Beiträge getaggt mit Vogelschießen

Schützenfeste und kein Ende

Der unübertreffbare Ballungsraum für Schützenfeste muss das Sauerland sein. Jedes Wochenende wird eine neues gestartet und jedes Wochenende kann man wieder sich bis zur Besinnungslosigkeit in schützenbrüderlicher Innigkeit die Kanne geben. Allein bei der Anzahl der Dörfer ist es schon fast unmöglich sie alle nacheinander zu feiern und so finden an manchen Wochenenden sogar mehrere statt. Nur zwei sind absolut konkurrenzlose Einzelveranstaltungen, das Schützenfest in Attendorn und besonders das Großereignis in Olpe, das dem kölschen Karneval fast den Rang abläuft. Vier volle Tage herrscht in Olpe dann der Ausnahmezustand … noch nicht einmal die Dönerbuden haben dann auf.

Jeder, aber auch absolut jeder, den ich kenne, ist aktives Mitglied eines Schützenvereins und das in mindestens einem Dorf, wenn nicht gar in zwei, nämlich in dem, in dem er wohnt und dazu in dem, in dem er arbeitet.

Das Spektakel beginnt bei allen Schützenfesten auf die gleiche Art und Weise. Die heimische oder gemietete Blaskapelle mit Marschvolk hintendran holt den alten König von zu Hause ab, man geht in die Messe – wo man den Herrn um Gott was weiß ich bittet – und bringt ihn und alle anderen anschließend zur Druckbetankung auf den Schießplatz. Denn grundsätzlich gilt: Wer nüchtern schießt verliert … oder so. Welcher Sinn dahinter steckt ist mir unbekannt, aber welche Mengen an „Heimatbräu“ verdrückt werden ist unvorstellbar. Da gebe sogar ich als eingefleischter und routinierter Dauerkarnevalist auf, da komme ich einfach nicht mit.

Während die Herren im Ornat sich unverzüglich nach dem Eintreffen auf dem Festgelände in hoher Taktzahl und Schlagfrequenz dem Schaumgekrönten hingeben, üben sich die Damen der Hoheiten im Klopfen des „kleinen Feiglings“ – o.ä … z.B. Sauerer Pitter, Schwarze Sau, Flic Flac und wie sie alle heißen – Hauptsache sie werden „damenhaft“ in Miniatur serviert.

Gäste, wie ich es vor 25 Jahren noch in meinem Dorf war, werden von den stämmigsten Suffragetten der Gemeinde in einer unnachahmlichen, charmanten Art von der Anvertrauten „entliehen“, um sie an Quelle des Übels, der Theke, in einem Crashkurs gleichen Tempo in das Geheimnis der Klopfzeremonie einzuführen. Und glauben Sie nur ja nicht, dass man es gleich beim ersten Fläschleinchen schafft, auch nicht beim zweiten. Bei welchem man mich endlich für würdig befunden hatte, den Klopfkurs als bestanden gelten zu lassen kann ich leider nicht mehr sagen. Ich weiß aber noch, dass der Biertisch, an dem man Frau fast schon in Verwesung saß, so voll von Biergläsern mit schalem und schalerem Bier saß, dass es uns augenblicklich in die Flucht schlug. Der Heimweg war beschwerlich, doch, ich gebe es gerne zu; nur die jeweiligen Hinweise der Teilabschnitte unseres Heimweges durch die noch vielen nachrückenden Dorfbewohnern, die alle sehr hilfsbereit waren und manchmal sogar etwas mitleidig uns sogar Trost spendeten, zeigten uns bereitwillig wo unser Eigenheim stand … wer weiß, ob wir es damals auf Anhieb wiedergefunden hätten?

Mit diesem Erlebnis gewappnet waren jedoch weitere Besuche dieses oder eines anderen Schützenfestes im Jahr danach etwas besser einzuteilen, nur etwas, denn auch das muss man üben und so ganz auf Anhieb klappte es nicht, kamen wir auch einmal in den Genuss des Vogelschießens. Und der Vogel ist hier, in dieser Region, schon etwas Besonderes. Sie denken jetzt bestimmt an einsame Holzschnitzer, die in langen Winternächten, heimlich und geschützt vor den Blicken der Mitwerber um den einjährigen Thron, im Verborgenen einen Adler aus besonderem Holz herausschälen, was im Allgemeinen ja auch so gehandhabt wird, doch wird das Königsschießen erst dadurch zu einem echten Spektakel, wenn man den alten König, der hoffentlich das richtige Gebet geh’n Himmel geschickt hatte um diese Ehre bittet und so wird zwischen Königspolonese und Currywurst an statt eines hölzernen Plagiats eines Greifvogels der nur noch kurz amtierende Altkönig in den Schusskasten gesteckt. Da macht das in Massen getrunkene Zielwasser doch wieder Sinn, oder?

So ganz nebenbei gibt es auch ein Geschäft, in dem man alles kaufen kann, was die Herren und Damen der Schützenvereine so brauchen. Von der Mütze, dem wichtigsten Accessoire, bis hin zum hölzernen Gewehr, dass man zu den Aufmärschen soldatisch gekonnt schultert, egal wie viel Bier der Schützenbruder auch getrunken haben mag. Und natürlich auch das vorschriftsgebundene „Abendkleid“ für Frau Schützenkönigin, denn Parade ist Parade und alle haben standesmäßig anzutreten. So wurde ich einmal Zeuge dessen, wie ein Olper Schützenbrüder direkt neben mir aus einem Gebüsch taumelte, in dem er wohl einen kleinen Schönheitsschlaf abgehalten hatte und mit schlafwandlerischer Sicherheit direkt auf den „Ümmerich“ zu hielt, dem traditionsreichen Schützenplatz der „Ölper“, der größten Schützenbruderschaft der Region. Bewundernswert, oder?

Ach, übrigens, auch ich bin Mitglied in so einem Schützenverein. Ja, ich gebe es ungern zu, doch wie ich dazu gekommen bin ist nicht ganz klar. Shanghaien nannte man es bei der englischen Kriegsmarine früher. Eine altbewerte Technik, mit der man auch noch heute gerne neue Mitglieder für die eigene Schützenbruderschaft rekrutiert. Man macht den „Freiwilligen“ so betrunken, dass er alles unterschreibt. Und so bin ich ein eingetragener Sankt Kunibertus Schützenbruder, passiv, zahle brav meinen Beitrag für die Tradition, habe jedoch seit 20 Jahren kein dorfeigenes Schützenfest mehr besucht … das überlebt man nicht. Da rauche ich lieber weiter, was ja demnächst „Kraft“-voll auch in Festzelten jeder Art verboten werden soll.

© Kariologiker

Die kleine Bilderserie zeigt alte und neue Schützenbrüder eines der vielen Orte im Sauerland.

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