Kaffeerösterei

– Diese Geschichte habe ich vor langer Zeit aus den Tiefen meiner Erinnerungen ausgegraben und zu Papier gebracht. An was erinnert man sich wirklich gut, wenn die Kindheit keine gute Zeit war? An das Schöne erinnert man sich immer.

Der Samstag war für mich ein Sonntag. Dann nämlich nahm mich mein Großvater immer mit wenn er Kaffee kaufen ging. „Na, Kleiner, willst’e mit?“ fragte er immer leicht schelmisch, wohl wissend, dass ich schon darauf brannte, dass er diese Frage stellte, die ich niemals verneinte, was Großvater wohl auch wusste.

Wir fuhren mit der Straßenbahn nach Kalk. Schon die Straßenbahnfahrt war ein kleines Abenteuer. Ein Schaffner stand in der Tür und half mir jedes Mal in die Bahn zu steigen, wartete dann bis Großvater saß und zog, nach einem Kontrollblick zu allen Seiten an einer Leine, die sich vom Ende der Gastraumes durch den Zug durch bis zum Fahrersitz an der Decke entlang schlängelte. Wie eine Wäscheleine. Erst wenn der Schaffner an der Leine gezogen hatte, worauf ein Klingelton schrill erklang, fuhr die Bahn los.

In Kalk war direkt neben der Haltestelle die Kaffeerösterei. Ein, für den damaligen Baustil und dem Wohnviertel, ganz modernes Gebäude. Der Bungalow ähnliche Flachbau war halbrund angelegt und hatte eine Schwingtüre, die sich gedämpft schloss, wenn man hindurch gegangen war. In dem großzügigen Besucherareal herrschte eine respektvolle Ruhe, die nur durch die Geräusche der verschiedenen Mahlwerke unterbrochen wurde. Der ganze Raum war erfüllt von einem betäubenden Kaffeeduft. – Mit großer Wahrscheinlichkeit bin ich während dieser Besuche in der Kaffeerösterei zum Liebhaber des Kaffees geworden, denn ich liebe Kaffee in jeder Form und Zubereitung. –

Ein gut situierter Herr stand hinter der Theke und fragte meinen Großvater höflich, fast distinguiert leicht zurückhaltend nach seinem Wunsch. „Ein Pfund von dem Doppelröst“, antwortete mein Großvater immer. Bis heute habe ich diese Bezeichnung nicht wieder gehört, es war wohl eine Insidersprache. Man verstand sich. Der Herr der Kaffeerösterei ging einen Schritt nach hinten und nahm eine schaufelähnliche, runde Lade aus der großen Holzwand und ließ die Kaffeebohnen in eine Waage rieseln, die sich mit jeder Bohne weiter austarierte bis das Maß voll war. Daraufhin nahm er die Schütte und ließ den Inhalt in eine Mühle prasseln. Ein großer Schalter stellte das Mahlwerk ein. Augenblicklich strömte zu der schon kaffeegeschwängerten Raumluft neues Duftpotential, der mit jeder Sekunde des Mahlvorganges sich zu verstärken schien. Ich liebte es, wenn mir der Geruch in die Nase stieg. Eine bis heute gustatorische Sensation, die ich niemals vergessen werde.

Die Zeit, die während des Mahlens zum Warten zwang, nutzte der Herr, sich nach meinen Wünschen zu erkundigen. „Und, für den Kleinen wie immer?“ Großvater nickte und ich bekam mein Weingummi und die Schokolinsen überreicht, so, als ob sie genauso wertvoll seien, wie der Kaffee, den Großvater, wohl wegen des hohen Preises nur pfundweise kaufte und nur einmal in der Woche.

Das Mahlwerk verstummte und der Herr des Kaffeeröstens nahm eine Tüte, spreizte sie routiniert und hielt sie unter den Auslass der Kaffeemühle. Er öffnete den Schieber mit einem Hebel, den er mehrmals klackend einrasten lies, bis auch da letzte Stäubchen Kaffeepulver in die Tüte gefallen war. Die Origami ähnliche Faltung zum Verschluss der Tüte war so kompliziert, dass man nur erahnen konnte, welch große Bedeutung ihr zukommen sollte. Sie musste das Aroma festhalten. Mindestens so lange, bis Opa sich den ersten Kaffee aus dieser Tüte aufbrühte.

Der ganze Kaufakt hatte den Anschein einer gegenseitigen Respektbekundung und ist mir bis heute ein Vorbild dafür, wie ich etwas kaufe oder verkauft bekommen möchte.

© Kariologiker

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  1. #1 von angelface am 28. Januar 2020 - 08:06

    Lieber Kario—*
    alte Geschichten die man sich aus dem bildstarken Gedächtnis hervorkramt sind Kostbare Zeitzeugen einer Zeit – wie auch meist verblichene Bilder – als das Leben noch völlig anders war – heute nicht mehr vorstellbar – vor allem für die nachfolgende Generation,die wahrscheinlich nicht mal ein leises Schmunzeln dafür übrig hat..
    sie ist bezaubernd fein und so schön erzählt dass sofort die dazugehörigen Bilder in meinem Inneren auftauchten ja, so geruchsintensiv dass ich glaubte sogar den Duft des gemahlenden Kaffees zu erschmecken.
    Respektvoll – wie es heute keiner mehr wiedergibt der sie nicht erlebt hat.
    die Alten achten und ehren,ihnen mit Respekt begegnen und ich bemühe das Wort wertschätzen – meinst du das gibt es in der Zukunft unserer Kinder und Enkel auch noch?
    ….ich würde – sehr gerne – weitere Geschichten von dir lesen und damit fühlen können was du gefühlt hast als du die Geschichte nieder geschrieben hast.
    danke….ein sehr danke…doch ich befürchte – solches stirbt bald aus….
    Engelschen….

    • #2 von kariologiker am 28. Januar 2020 - 08:52

      Leev Engelschen,

      danke für den einfühlsamen Kommentar. Und ja, es sind diese feinen Beobachtungen, die ich schon sehr früh gemacht habe. Ich glaube Kinder beobachten immer sehr genau. Es dann aufzuschreiben kommt einem Wiedererleben gleich.
      Ob man nun schmunzelt oder es nur geflissentlich zur Kenntnis nimmt sei jedem selbst überlassen, denn jeder trägt seine Erinnerungen in seiner Weise mit sich oder besser gesagt in sich.
      Es gibt nur wenig, was ich aus meiner frühen Kindheit in Erinnerung habe und das meiste ist weder romantisch noch respektvoll. Auch meine Kindheit war schon voller Aggressionen und Starrsinn, voller Gewalt und Unverständnis derer, die, wie heute nicht anders, nur die eigene Meinung gelten lassen.

      Umso schöner ist es einen aufmerksamen, feinfühligen Leser wie Dich zu wissen und so erwidere ich gerne Dein Danke.

      Herzlichst
      Kariologiker

  2. #3 von sissi am 8. Februar 2020 - 11:06

    Ich kenne sie, diese wunderbare Geschichte aus Kindertagen.
    Wie du weißt, liebe ich nicht nur Heidsieck und GinTonic, sondern auch Kaffee und am liebsten Espresso, doppelt, dreifach…. lächel.
    Wenn ich in meiner KaffeeRösterei meinen Thekenespresso bestelle, betört der Duft meine Sinne, macht aus schlechten Tagen gute und die Welt wird ein bisschen schöner.
    Wenn man wie du nur wenig Schönes aus der Kindheit zu berichten hast, so wird dieses Ritual zu dem, was es ist… einfach besonders.
    Es ist gut, dass das Gute im Leben das Schlechte verdrängt, auch wenn wir es nicht vergessen. Wichtig ist, dem Schönen Raum zu lassen.
    Und… wir haben es gut gemacht mit den Kindern und machen es gut mit den Enkeln. Das ist, was zählt… Kinder sind eine Brücke zum Himmel, mit zarten Seelen und einem weiten Blick. Ein Kind sollte nie Gewalt oder Hunger erfahren, es braucht Erwachsene mit einem großen Herz voller Liebe… mein Herz geht auf beim Gedanken an meine Kinder und Enkel… das ist es, was zählt.
    Für alles andere hab ich Heidsieck… oder halt Espresso.
    Umärmler von sissi

  3. #4 von kariologiker am 11. Februar 2020 - 20:45

    Danke, liebe Sissi,

    für den einfühlsamen zarten Kommentar. Du hast ganz richtig das wichtigste gesagt und das kann kein Kommentar von mir noch hervorheben, als Du es nicht schon selbst getan hast.

    Danke.

    Kariologiker

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