Archiv für Mai 2019

Alles Breierlei

Früher hat Muddi morgens die Sachen rausgelegt, die der Junge an diesem Tag anziehen soll. Was haben wir uns immer gesträubt. ”Das soll ich anziehen? Nein, niemals.“ 

”Du ziehst das an, die anderen Sachen sind in der Wäsche und damit basta!” , war die lapidare, aber entschiedene Antwort, der man nichts zu entgehen wusste, denn so viele Anziehsachen hatten wir gar nicht. Sogar unsere Sporthosen und -hemden wurden nicht öfter gewaschen. ”Pass auf, dass Du Dich nicht einsaust, dann musst Du es selbst mit der Hand waschen”, mahnte Muttern immer. Und das taten wir auch.

Da komme ich auch gleich zum Waschen. Es wurde früher nicht jeden Tag gewaschen. Wir haben das, was uns Montags zum Anziehen herausgelegt worden ist bis zum Wochenende getragen. Sonntags gab es Sonntagskleidung und Montags erst wieder neue Wäsche. Nun hat die Werbung  es geschafft uns eine Scham zu suggerieren, wenn wir zweimal hintereinander das gleiche anziehen. Ebenso ist es ganz trendy, wenn man ein Waschmittel im Beutelchen mit Schwung in die Waschmaschine wirft. Bald gibt es bestimmt Wasch- … ähm … Geräte, die gar keinen Einschub mehr für Waschpulver haben. Bestimmt.

Waren wir früher begierig darauf uns endlich unsere eigenen Klamotten kaufen zu dürfen, ja, unseren eigenen Bekleidungs-Stil umzusetzen, so wird heute vom Sofa aus eingekauft. Online.

Was Muddi früher an Anziehsachen herausgelegt hat, wird heute von dem ”kleinen” Junge an Outfittery übergeben. Die Aufgabe ist die gleiche, nur bezahlt man heute dafür eben Geld, das angeblich keiner hat und zudem auch keine Zeit hat sich Kleidung im Geschäft kaufen zu gehen, weil er seine Zeit für‘s Geldverdienen braucht, also, Zeit drauf geht und natürlich für Partys. Die sind ja ganz wichtig. Und so kommt wöchentlich, quasi als Abo, so ein Paket ins Haus, in dem wieder eine gelernte Bäckereifachverkäuferin, die im Zweitjob Klamotten zusammenschmeißt, um sie irgendeinem Modemuffel zuzuschicken – alle Männer haben ja keine Ahnung von Mode (Frau M. Reinigungskraft aus München), der dann immer chic und trendy gekleidet, quasi uniform unter die Leute kommt, die, und das erstaunt, ja das gleiche tragen, wie man selbst. Da kann dann für das viele Geld auch mal ne kaputte Hose dabei sein. 

Mit dem Essen ist es kaum anders. Wer sich heute Convenience bestellt, das geschmacksneutral und labbrig aus der Schaumstoffbox gereicht wird, hat einen weltweit uniformen Geschmack bekommen, der in jedem All-Inclusive Hotel serviert wird.

Man sollte meinen, keinen interessiert es mehr wie etwas gekocht wird und warum gerade Kochen etwas kreatives hat. Dabei mühen sich Profis und Amateure ständig ab, uns im Fernsehen, mal ästhetisch, mal eher flapsig, die Kunst des Kochens nahe zu bringen. Es gibt schon Geschäfte, die ausschließlich Kochutensilien verkaufen. Erstaunlich, dass sie nicht schon längst pleite sind, bei der für beide Geschlechtern eigenen und üblichen Lieferando-Philosophie. 

Zugegeben, ich kann jetzt auch nicht so gut kochen, aber meine Frau ist auf dem Niveau eines  Sternekochs. Einzig diese Fine-dining Attitüde macht ihr gar keinen Spaß. Sie sagt immer: 

”Wenn jemand so viel fürs Auge tun muss, hat er bestimmt beim Geschmack etwas vergessen.” Zudem wird über das Gefummel drum-herum immer das Essen kalt. Und kaltes Essen mag eigentlich keiner.

Und genau diese Jungend wirft uns Alten jetzt vor, dass wir das Klima ”verkackt” haben und zeigt u.a. auf YouTube mit dem Finger auf uns, dass alle Erwachsene, und besonders die Politiker der CDU Lügner sind. Auf dem Weg zur FridayForFuture Demo wird zwischendurch bei McDonalds oder Burgerking mal eben schnell Fastfood konsumiert und dazu diese gesunde Cola aus Pappbechern mit Plastikdeckel und Plastikstrohhalm getrunken. Die Parolen sind alle genauso uniform, wie das Essen und die Kleidung und ich sehe schon, dass diese Jugend mit diesem Rüstzeug ganz bestimmt das Klima und damit die Welt retten wird.

Alles Breierlei, meint

Kariologiker

, , , , , , , , , , , , , , , , , ,

5 Kommentare

Sprache ändert sich, aber nicht mich.

Letztlich, genau am Tag der älteren Generation (3. April), zu der ich mich notgedrungen zählen muss, dachte ich mal wieder daran, wie sich die Sprache doch ändert.

Mittlerweile wird im Fernsehen nicht nur durch alle Kasten gekocht, was sich mir grundsätzlich gar nicht erschließt, denn man kann es über den Äther weder riechen noch schmecken und sicher getraut sich doch niemand vor der Kamera zu sagen, dass diese oft unter grausamen Umständen und von oft recht unappetitlichen Hobbyköchen – Ja, sogar Profi-Köchen – zusammen gemanschte Zutatenfülle wie ”alte Schuhsohlen” schmeckt, und damit man die immer hohe Qualität dieser Wie-auch-Immer Speisen zumindest gedanklich als vortreffliches Produkt erkennt, bekommt es eine  Qualitätsbeschreibung. 

Eine mir gänzlich unappetitliche Speise, deren Verköstigung ich schon seit 50 Jahren ablehne, ist das Risotto – neben Milchreis und anderen breiartigen Aggregatzuständen, die mir nicht nur als essbar vorgesetzt werden, sondern angeblich ganz toll schmecken sollen. Nun…

Um ein richtig gutes, ja perfektes Risotto herzustellen, muss wohl, so wird es mir zumindest vermittelt, immer kräftig gerührt werden, damit es eine Konsistenz bekommt, die sich in der höchsten Qualitätsbekundung ”schlotzig” nennt. – Meine automatische Schreibkorrektur kennt das Wort gar nicht. –

Mir am Tag der älteren Generation zu sagen, dass schlotzig etwas premierwürdiges ist, geht das dann doch zu weit. Hielt sich meine Aversion gegen diese Rezepte bislang noch in Grenzen, so wird bei dem Wort schlotzig (oder schlozig?) derart mein Nervus Vagus gereizt, dass ich dem nur mit einem Antiemetikum begegnen kann oder einem Kräuterschnaps auf Anisbasis.

Schlotzig beschreibt für mich Erbrochenes oder Sputum, wobei ich diesen beiden Abgerungenschaften oder Auswurf des Menschen niemals klassifizieren würde und schon gar nicht premieren. „Ja, Deine Spucke ist mit die schönste und so besonders schlotzig.“

Nein, ich schaue schon lange keine Kochsendungen mehr, allein schon wegen des Küchenlateins und die dazugehörige Küchenphilosophie, die mir immer wie eine Rezitation aus einer Kalendersprüchesammlung vorkommen. Das kann natürlich jeder für sich so sehen wie er es gern hat, aber etwas schlotzig zu nennen ist für mich grottig.

Meint sinnierend

Kariologiker

 

, , , , , , , , , , ,

3 Kommentare

”Wir sind mehr”

 

Sind wir das immer noch? Man hört so gar nichts mehr. Dabei hörte es sich so an, als ob ein Ruck durch die Gesellschaft gegangen sei und gab zeitweilig einer recht aussagelosen Floskel etwas Inhalt bis es zum Einhalt gekommen ist. Viele schmückten ihre Konterfeis in den Social Media mit einem Banner. Und jetzt? Sind wir endlich wieder normal oder haben wir schon vergessen, warum wir mehr sind? 

Gut, ich gebe es gerne zu, ich weiß gar nicht mehr warum wir mehr sein wollten oder es vielleicht immer noch sind. Jetzt sind wir jedenfalls nicht mehr mehr. Schon erstaunlich, was ein Herdentrieb so bewirken kann.

Nachdem mir dieser Gedanke gekommen war, wurde ich gleich umfassend aufgeklärt.

”Das war schon immer eine Totgeburt. Nach einer Demonstration in Chemnitz wollte man beweisen, dass man doch ausländerfreundlich ist. Was tat man dafür? Man organisierte keine Gegendemonstration, wäre zu blamabel gewesen, da allein auf der Bühne zu stehen, sondern veranstaltete ein Konzert unter dem Motto, fast schon Volksfest, zu dem dann natürlich 65000 Leute da waren und nannte das „Gegendemo“. Das war ein Streich, der der Schildbürger wert gewesen wäre. Chemnitz ist nicht mehr oder weniger fremdenfeindlich als jede andere Stadt in Deutschland auch. Die Menschen dort haben nur eine extrem harte Zeit hinter sich, da die ehemalige Hochburg des Maschinenbaus über Jahre ausblutete und sich nur langsam wieder erholte. Sie sind deshalb  reizbarer. Bestreite ich gar nicht. Wir SIND mehr, aber so lange wir es zulassen, dass sie uns aufeinanderhetzen, hat das keinerlei Vorteil. Und ja, ich bin Chemnitzerin und stolz drauf.”, schrieb Eike Handtrack mir.

Mir erschließt sich diese Haltung nicht, auch wenn ich diesen Einwand durchaus verstehe. Ich war mir stets genug. Ich war nie zu wenig und wollte – vielleicht – einmal mehr sein, als Musiker, aber nicht als Mensch. Doch wenn wir Menschen es nicht mehr verstehen, dass  die Umstände sich nicht immer ändern lassen und man sich damit arrangieren müssen, dann ist man natürlich auch nicht genug und muss mehr sein. Und was sind wir jetzt? Nachdem wir weniger waren und dann mehr, sind wir heute wieder im Lot. 

Und datt is jot!

Denkt

Kariologiker

, , , , , ,

Hinterlasse einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: