Wünsche

Ich wünsche nichts mehr. Mir wünsche ich nichts mehr, warum auch? Und anderen Menschen eigentlich auch nicht. Ja, glaubt wirklich jemand noch, dass Wünsche wünschen wirklich wirken wird? Wen bittet man denn um diesen Wunsch? Beim Jahreswechsel etwa das Jahr, das als nächstes kommt? Man wünscht sich für einen begrenzen Zeitraum also etwas von der Zeit, die keinen Raum hat.
Gut. Ich gebe es zu, ich wünsche auch zu vielen Gelegenheiten vielen Leuten ganz unterschiedliche Dinge. Ich wünsche Erfolg vor einem Auftritt oder einer Klausur, für eine Wohnungssuche, einer Geburt und vielem mehr. Doch hier ist der Wunsch eingebettet in den Gedanken an das, was eine faktische Grundlage hat. Ich wünsche auch jemanden sechs Richtige im Lotto, obwohl das schon eher an Esoterik grenzt. Ich wünsche natürlich oft Glück, doch dieser symbolische Wunsch ist, bei aller Bescheidenheit, schlicht nur eine Floskel, eine, in fast jeder Sozialisation gut etablierte Pflichtübung. „Und? Was sagst man da?“ Wer kennt diese Aufforderung nicht aus seiner Jugend, die tausend mal von Müttern und Vätern eingefordert wurde?

Was ist mit dem Wunsch, wenn er sich ins Gegenteil umkehrt, wenn alles andere passiert als das, was man gewünscht hat? Es fällt nicht mal einem auf, so, wie ich schon Tage nach dem Wünschen nicht einmal mehr weiß, dass ich etwas gewünscht habe oder was ich gewünscht habe? Wer weiß denn noch, was er sich und anderen beim letzten Jahreswechsel gewünscht hat? Ich wüsste es nicht zu sagen.
Mir kommt der Spruch „Happy new Year“ eher so vor, als dass man erleichtert ist ein vergangenes Jahr hinter sich gebracht zu haben. Wie auch immer. Und das ist bestimmt oft berechtigt.
Wie nutzlos jedoch solche Wünsche sind, wird ganz deutlich, wenn wir in die Welt hinaus schauen. Wer wird sich je gewünscht haben, dass Menschen Köpfe abgetrennt werden, sich schwarze gekleidete Gestalten hinter einem Gott verstecken, um damit Gräueltaten zu legitimieren? Wer wird sich je gewünscht haben, dass das Schiff mit dem man fahren wird, ein Unglück haben soll, ein Flugzeug, mit dem man fliegen wird, abstürzen wird? Natürlich niemand, im Gegenteil, jeder hat sich gegenseitig eine gute Reise gewünscht. Und dann hat es eben nicht geklappt. Pech, oder?
Was kann man sich zum Jahreswechsel sonst noch wünschen? Gute Vorsätze? Kennen wir uns so schlecht, dass wir einen Wunsch äußern, den wir genau in dem Moment verwerfen können, in dem wir ihn ausgesprochen oder gedacht haben? Wer hat sich jemals der guten Vorsätze erinnert, sie umgesetzt? Ich nicht.
Ich glaube weder an Wünsche, noch an Wunder. So wünsche ich auch nichts, was keine Aussicht auf Erfolg hat, wenn sie mehr mit Wunder als mit der Realität zu tun haben.
Das Einzige, was ich zum Jahreswechsel machen werde, ist, wenn überhaupt, beruht nur auf reinem Aberglauben und auch daran glaube ich nicht. Also mache ich es schlicht nur zum Spaß. Schaue vielleicht den explodierenden Raketen zu, schütte mir genüsslich guten Schaumwein in den Hals und gehe dann ganz undramatisch zu Bett.
Denn am nächsten Morgen kommt, ebenso fantasielos, nur ein neuer Tag.
Mehr nicht.

© Kariologiker

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  1. #1 von Claus am 31. Dezember 2014 - 12:53

    Wenn Du so weitermachst, wird aus dem Zahnarzt noch ein Philosoph. Aber warum auch nicht.
    Als gelehriger Schüler wünsche ich Dir ergo nix oder jahreszeitgemäß einen guten Rutsch.
    Claus

  2. #2 von sissi am 31. Dezember 2014 - 13:07

    Die letzten Worte aus *Vom Winde verweht* … und morgen ist ein neuer Tag.
    Irgendwie erinnert mich dein Text an diesen Filmklassiker, den ich nur ein einziges Mal gesehen habe. Es geht immer irgendwie weiter und mit den Wünschen und ihrer Erfüllung ist das so eine Sache. Mal gehen sie in Erfüllung, mal eben nicht.
    Ein schöner Spruch lautet: ich wünsche dir mehr Träume, als die Realität zerstören kann…
    Klingt doch auch nicht wirklich so schlecht.
    Kario, die letzten Stunden des Jahres haben begonnen, ich habe nicht mal einen Schaumwein zuhause, obwohl, ein Heidsieck tät es auch … lächel. Nix von beidem, nur einen Roten aus Rheinhessen … geht sicher auch.

    Ich wünsche dir ein gutes Ankommen im Jahre 1915 wünschen … und sage es einfach mal mit den Worten von Peter Rosegger (1843-1918) …

    Ein bisschen mehr Friede und weniger Streit.
    Ein bisschen mehr Güte und weniger Neid.
    Ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass.
    Ein bisschen mehr Wahrheit – das wäre was.

    Statt so viel Unrast ein bisschen mehr Ruh.
    Statt immer nur Ich ein bisschen mehr Du.
    Statt Angst und Hemmung ein bisschen mehr Mut.
    Und Kraft zum Handeln – das wäre gut.

    In Trübsal und Dunkel ein bisschen mehr Licht.
    Kein quälend Verlangen, ein bisschen Verzicht.
    Und viel mehr Blumen, solange es geht.
    Nicht erst an Gräbern – da blühn sie zu spät.

    Ziel sei der Friede des Herzens.
    Besseres weiß ich nicht.

    … und morgen ist einfach ein neuer Tag …

    herzlichst
    sissi

    • #3 von sissi am 31. Dezember 2014 - 13:08

      Auweia, da hat sich ein Fehler eingeschlichen…. natürlich sollst du nicht 1915 sondern 2015 gut ankommen… was sind schon hundert Jahre… lächel.

  3. #4 von Angel Face am 31. Dezember 2014 - 13:21

    welch eine wunderschöne Ballade…..die die sissi dem Kario schickt, dazu lächle ich und das vom Herzen her, denn, genau das wünsche ich ihm, ihr und mir auch….
    ein bißchen mehr Sonne im herzen und weniger neid, ist dem einen eine Glückseligkeit und der andere sieht es nicht,
    morgen ist einfach ein anderer, neuer Tag der vom gestrigen in das Heute hineingleitet
    nicht mit Geschrei und bumm, bumm, wers braucht und mag, sei*s drumm der soll es sich holen…
    friedlich miteinander sein auch im neuen Jahr das wünsche ich mir udn denke den Wunsch kann man sich selbst erfüllen.
    Was sich die anderen „wünschen“ für ihn hoffen, das weiß man nicht, muss auch nicht sein dass man alles vom anderen weiß…
    balladen wie dieses schöne Gedicht von sissi vorgetragen ( ich hör nämlich ihre Stimme dabei) mögen uns zum Jahreswechsel begleiten….
    angelface…..•´¸.•*´¨) ¸.•*¨) ¸.•´¸.•*´¨)
    (¸.•´ (¸.•` * ¸.•´¸.•*´¨) ¸.•*¨)
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    ♥:♥: ♥: ♥: ♥: ♥: ♥: •´¸.•*´¨) ¸.•*¨) ¸.•´¸.•*´¨) und ein Gläschen was immer auch drin ist, drauf…..
    aufs neue Jahr….
    (¸.•´ (¸.•` * ¸.•´¸.•*´¨) ¸.•*¨)
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  4. #5 von Dr.Ulrike Lupi-Fuß am 31. Dezember 2014 - 13:23

    Du hast Recht, lieber Kario!
    Ich verziehe mich in eine Ecke mit der Wünschelrute und werde froh sein, wenn diese so gefühlvollen – bis zum Rande gefüllt mit falschen Gefühlen, das Kind des öfteren mit dem Bade ausgeschüttet – Feiertage endlich vorbei sind, denn sie machen mich traurig.

  5. #6 von kariologiker am 31. Dezember 2014 - 13:24

    Lach … nein, 1915 wäre mir dann doch zu ungemütlich, liebe Sissi,

    doch habe ich es gleich als Tippfehler betrachtet. Das Gedicht von Rosegger ist schön und ja, man könnte sich all das wünschen. Doch wissen wir, welche Zeilen aus dem Gedicht als Wunsch in die Hose gegangen sind. Selbst in aller Bescheidenheit Roseggers ist verdammt wenig davon in Erfüllung gegangen.
    Ohne unken zu wollen … vielleicht ist es gesünder sich nichts zu wünschen.

    Komm gut ins neue Jahr
    Kariologiker

    PS Wen interessiert schon die Getränkemarke…?

  6. #7 von kariologiker am 31. Dezember 2014 - 13:32

    Ja, leev Engelschen,

    diese Ballade ist schön, entspricht aber auch nicht meinem Realismus. Ich habe mich trotzdem sehr über das Gedicht gefreut (kannte ich nicht und schon gar nicht den Lyriker Rosegger)

    Ich bin wahrlich nicht gegen Wünsche, doch habe ich mir eben kurz einmal Gedanken zu einem – fast – heidnischen Brauch gemacht und mich ernsthaft gefragt, warum wir so viele Wünsche haben und was sie uns bringen?

    So wünsche ich heute ausnahmsweise mal nix und hoffe darauf, dass wir alle gut in den neuen Tag, ins neue Jahr kommen.

    Kariologiker

  7. #8 von kariologiker am 31. Dezember 2014 - 13:35

    Dieses Jahr, liebe Ulrike,

    habe ich als Opa das Fest der Freude wieder neu erleben dürfen, auch wenn solche Feste sich mir auch gerne auf den Magen legen. Und so wird der Jahreswechsel in der Tat mit der großen Hoffnungen für unseren Nachwuchs verbunden sein … aber mehr nicht.

    Danke für Deine netten Worte
    Kariologiker

  8. #9 von kariologiker am 31. Dezember 2014 - 13:39

    Danke, Claus,

    das Leben ist Philosophie mit ständig wechselnder Perspektive. Die aktuelle Sichtweise ist selbst mir ganz neu.

    Rutsche ebenfalls in der Dir gemütlichsten Weise ins neue Jahr…

    Kariologiker

  9. #10 von Drago am 31. Dezember 2014 - 13:39

    Also, ich habe schon so manchem die Krätze an den Hals gewünscht. Ja, einigen auch die Pest. Und irgendwie bin ich doch froh, dass dieses Wünschen (meist) ziemlich ungefährlich ist. Für mich, und auch für die, denen ich so Diverses wünsche. Es ist im Positiven eben Höflichkeit. Doch manchmal schleicht sich bei mir ein „t“ ein. Dann heißt es: „Ich wünschte, Du hättest Verstand!“ (oder so ähnlich). Aber auch das klappt relativ selten …..

    Mach Dir ein fröhliches, neues Jahr!
    Drago

  10. #11 von kariologiker am 31. Dezember 2014 - 14:01

    Lach, Drago,

    ja, was man so manchem Zeitgenossen wünschte … ich sehe es genauso. Doch am besten gefällt mir Deine Aufforderung, denn sie ist eine echte Alternative zu allen noch so ernst gemeinten Wünschen: MACH Dir ein schönes Jahr. Danke, mach ich!

    Wir sollten mehr draus machen, also, packen wir’s an.

    Kariologiker

  11. #12 von Gewitterkind am 31. Dezember 2014 - 17:46

    Neue Tage wünsch ich
    M

  12. #13 von Josef Rengaw am 1. Januar 2015 - 10:01

    Lieber Kario,

    ja, an Deiner Wut ist etwas dran. Wir müssen etliche Traditionen in der Form, die sie derzeit angenommen haben, kritisch prüfen. Sehen müssen wir, ob sie noch sinnvoll beibehaltn werden sollen. Zum Beispiel haben wir gerade ausgiebig den Christkindl-/Weihnachts-/Geschenke-Wahn als Perversion des ursprünglichen Weihnachtsgedankens gebrandmarkt.

    Indes gilt es auch hier, das Kind nicht mit dem Bad auszuschütten. Manche Wünscherei ist sinnvoll, schreibst Du, denn „hier ist der Wunsch eingebettet in den Gedanken an das, was eine faktische Grundlage hat.“ Genau so denke ich.

    Darüber hinaus, meine ich, ist in der Familie, unter Freunden und guten Bekannten, der gute Wunsch, ohne an ein konkretes Ereignis gebunden zu sein, ein erhaltenswerter Brauch. Ich sehe in ihm ein Ausdruck der sozialen Verbundenheit. Warum sollen Wünsche nur angebracht seinn, wenn sie wirken? Etwa der Wunsch für ein weiteres gesundes Jahr zum Geburtstag.

    Scheußlich finde ich die „Wünscheritis“ ohne solchen Hintergrund. Wenn in einer Beilage zum Mitteilungsblatt unserer Gemeinde die Gewerbetreibenden des Ortes ein „gutes …“ ist das allenfalls für den Verleger sinnvoll. Gleiches gilt für die Massenunkultur im Internet, da allen followern, die mich laiken, ein „gutes …“ gewünscht wird.

    Schließlich unterscheide ich zwischen Wunsch und Glückwunsch. Ich habe den heftigen Wunsch nach einer Welt mit Frieden, ohne Hunger und den obszönen Auswuchs von fundamentalistischen Religionen. Auch Du beklagst die Perversionen. Die Zeit der vielgestaltigen „Hexenprozesse“ und „brennenden Scheiterhufen“ sollte vorbei sein.

    Herzliche Grüße
    Jupp

  13. #14 von klaerchen am 3. Januar 2015 - 11:57

    Das Jahr 2015 ist da, es ist alles so wie immer jedes Jahr.
    Wünsche?
    Ja, Wünsche habe ich für mich im Geheimen und mehr Frieden für alle Menschen. Es fängt im Umfeld bei dem Nachbarn an und hört nicht bei den Politikern auf. Wünsche und Träume haben wir doch alle, irgendeinen Traum, der nie erfüllt wird.
    ich wünsche Dir Gesundheit und Zufriedenheit für die Zukunft,
    von Herzen, Klärchen

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