Entmenschlichung oder ich mach’ mir noch ein Bier auf

Faltig bin ich geworden, das Gesicht, stark abgebaut,
das Haupt hat an Fülle verloren, ist schwer ergraut.
Ich sehe ein mir unbekanntes, fremdes Bild
in einem viel zu großen Spiegel vor mir steh’n
ungepflegt, ganz fremd, mit viel zu langen Haaren.
Ich beschließe spontan und ganz bescheiden,
nein, diesen Kerl mag ich nicht leiden.

Gedanken preschen vor und flauen ab,
Suchen hält mich gnädig auf Trapp,
nach alten und neuen Sätzen und Gedanken
in dem bewährte Ideen noch immer ranken,
geziem geordnet, als verwelkende Fragmente.
Bald geh ich in Rente als grauer Charmeur
Nein, ich geh heut nicht zum Friseur.

Viel Kreatives steht in mir ungeniert
und kratzt mich, doch das Glück konvertiert.
Tabletten für’s Herz und für den Darm
seit langem halt’ ich nur noch meinen Harn
und brabbel altes Seemannsgarn
Fühle stumm meinen Drei-Tage-Bart.
Ich mach’s, rasiere mich zart.

Papier scheint unendlich geduldig,
wie immer schon und manchmal
hulde ich mit Gewimmer jenen,
denen es noch schlimmer
geht, als heute und mir.
Ich öffne mir noch ein weiteres Bier,
sammele stinkende, alte Flaschen.

Manchmal und an ganz seltenen Tagen
scheint die Sonne mir mit ihren Fragen
zu gefallen, der Saft schießt ein.
Dann erinnere ich mich schmunzelnd
und entscheide mich dagegen. Nein.
Nur das Nichts werde ich nicht missen
Mist, muss schon wieder pissen.

Unvermeidlich kommt ein neuer Tag
eines alten Lebens und ich mag
das Ticken der Uhr nicht mehr hören.
Wieder werde ich alles geben,
bis mich der Zweifel der Realität
abdrängt, ich ins Unverständnis schau.
Ok, morgen kaufe ich Blumen für meine Frau.

© Kariologiker

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  1. #1 von Dr.Ulrike Lupi-Fuß am 22. September 2014 - 12:29

    Wie traurig, lieber Kario: Harn und Darm, Harm und Darn – wir alle gehen den Weg des Lebens, das macht uns nicht schöner. Aber : Mal ist’s ein Bier, mal der Friseur, dann auch wieder sind’s die Blumen für die Frau – alles Produkte unserer Kreativität, so sie auf Augenhöhe bleibt und uns nicht entrückt – auch das kommt vor.
    Sicher wird sie dich wieder am Schopfe packen, denn sie ist treu.
    Also: Kopf hoch!

  2. #2 von Josef Rengaw am 22. September 2014 - 18:55

    Wie textet man ein Werk der Lyrik, das ein emotionsgeladenes Thema behandelt, ohne in das Gesülze des Kitschs vom Küchentisch zu fallen? So wie es Kario vormacht. Nüchtern wie eine frisch gefegte Garageneinfahrt (Betonformsteine) ist sein Bericht über den Zustand im Faltenalter. Wunderbar dieser Lebensabschnitt, der die Flausen abgelegt hat. Nüchtern und gelassen. Vor allem, wenn das Ding mit den Blumen nicht frommer Wunsch bleibt …

    Herzliche Grüße
    Jupp

  3. #3 von kariologiker am 22. September 2014 - 22:30

    Liebe Ulrike,

    so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Die Bestandsaufahme stand schon lange an und wenn ich darüber wieder schreiben kann, dann sei Dir gewiss, es geht mir besser.

    Lieben Gruß
    Kariologiker

  4. #4 von kariologiker am 22. September 2014 - 22:32

    Lieber Jupp,

    Betonformsteine beschreiben sehr schön die eigentliche Situation, und das mit nur einem einzigen Wort (und ich reiß mir hier den Arsch auf, um das in Verse zu fassen … nicht zu fassen … *lach*), denn man wird mehr und mehr von ihnen eingezäunt.

    Herzlichst
    Kariologiker

  5. #5 von angelface am 23. September 2014 - 23:22

    du lässt dich weder einzäumen noch von eigenen Geschehnissen zähmen, das ist erfreulich festzustellen, dahinter lugt der alte Kario mit einem Auge hervor und kozt genüsslich den letzten Bissen als schweren Brocken aus.
    ein herrliches wiedersehen mit dir…

  6. #6 von sissi am 24. September 2014 - 23:39

    An Tagen wie diesen
    schau nicht in den Spiegel
    scheiß auf die Falten
    das welke Gesicht

    An Tagen wie diesen
    schau in den Himmel
    spiel mit den Wolken
    umarme die Welt

    An Tagen wie diesen
    genieß den Espresso
    schau einer Maus zu
    erfreu dich am Leben

    Denn an Tagen wie diesen
    weiß du, das du da bist
    trink rasch noch nen Heidsieck
    bevor der Vorhang fällt.

    Diese Zeilen flogen mir durch die Windungen meines Hirns, als ich deine Zeilen las.
    Es ist, wie es ist.
    Wir sind, was wir sind. Betonformsteine… Josef, ein Wort, das alles umschreibt. Die Blumen solltest du kaufen, so oder so… Lächeln zaubert Falten weg… auf beiden Seiten.

    Herzliche Grüße sissi

  7. #7 von angelface am 27. September 2014 - 03:45

    sissi sagts dir…und wie sie es in Worte fasst gefällt auch mir wie dir..wetten=?…..
    oh mann oh Mann ich sollte längst im bette sein, bins aber nicht…
    schreibe und denke wie immer, vielleicht zähl ich auch die Falten die blöden Dinger,,.,,lacht…
    Euch allen eine gute Nacht…

  8. #8 von kariologiker am 27. September 2014 - 07:01

    Ich werde diesen Augenblick auch nicht vergessen, Sissi, als der einzige Gast neben unserem Espresso eine Maus war und wir uns anner Tanke trafen … *lach* … und auch wenn Deine Zeilen meine ergänzen, so möchte ich meine eher „offen“ verstanden wissen. Sie sind eine Darstellung, aber nicht mein aktueller Gesundheitszustand. Mir geht’s gut. Danke, Sissi, dass Du noch mal dran gedacht hast.

    Und datt Engelschen … also um 3.45 Uhr von „“Gute Nacht“ zu sprechen, ist euphemistisch. Um diese Zeit stehen sehr viele Menschen schon wieder auf … *grins

    Lieben Gruß Euch beiden
    Kariologiker

  9. #9 von sissi am 27. September 2014 - 14:20

    Ich habe sie auch nicht anders verstanden.
    Mein Gedicht flog mir beim Lesen deiner Zeilen zu. Alles ist offen, es hat halt nur so schön gepasst…
    Und die Maus… war irgendwie niedlich.
    Schönes Wochenende …

  10. #10 von angelface am 3. Oktober 2014 - 10:33

    wooo du überall hinguckst..lacht ………………….. das solltest du geflissentlich übersehen….oder bist auch duu ein Nachtschwärmer?…. Gruß in deinen Vormittag der hier ein sonniger ist, oder joggst du grad um den see….?Grüßele und lacht…

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