Archiv für September 2014

Entmenschlichung oder ich mach’ mir noch ein Bier auf

Faltig bin ich geworden, das Gesicht, stark abgebaut,
das Haupt hat an Fülle verloren, ist schwer ergraut.
Ich sehe ein mir unbekanntes, fremdes Bild
in einem viel zu großen Spiegel vor mir steh’n
ungepflegt, ganz fremd, mit viel zu langen Haaren.
Ich beschließe spontan und ganz bescheiden,
nein, diesen Kerl mag ich nicht leiden.

Gedanken preschen vor und flauen ab,
Suchen hält mich gnädig auf Trapp,
nach alten und neuen Sätzen und Gedanken
in dem bewährte Ideen noch immer ranken,
geziem geordnet, als verwelkende Fragmente.
Bald geh ich in Rente als grauer Charmeur
Nein, ich geh heut nicht zum Friseur.

Viel Kreatives steht in mir ungeniert
und kratzt mich, doch das Glück konvertiert.
Tabletten für’s Herz und für den Darm
seit langem halt’ ich nur noch meinen Harn
und brabbel altes Seemannsgarn
Fühle stumm meinen Drei-Tage-Bart.
Ich mach’s, rasiere mich zart.

Papier scheint unendlich geduldig,
wie immer schon und manchmal
hulde ich mit Gewimmer jenen,
denen es noch schlimmer
geht, als heute und mir.
Ich öffne mir noch ein weiteres Bier,
sammele stinkende, alte Flaschen.

Manchmal und an ganz seltenen Tagen
scheint die Sonne mir mit ihren Fragen
zu gefallen, der Saft schießt ein.
Dann erinnere ich mich schmunzelnd
und entscheide mich dagegen. Nein.
Nur das Nichts werde ich nicht missen
Mist, muss schon wieder pissen.

Unvermeidlich kommt ein neuer Tag
eines alten Lebens und ich mag
das Ticken der Uhr nicht mehr hören.
Wieder werde ich alles geben,
bis mich der Zweifel der Realität
abdrängt, ich ins Unverständnis schau.
Ok, morgen kaufe ich Blumen für meine Frau.

© Kariologiker

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Wen juckt das schon?

„Ich hab da ein Problem – ach nein, Problem wäre zu viel gesagt, aber wissen Sie, … ich weiß ja nicht, ob Sie so etwas überhaupt schon einmal gehabt haben … also, mich jucken meinen Zähne.“
„Oh, Sie sagen jucken und meinen Jucken?“
„Ja, hier, der hier juckt an der Schneidekante. Ich habe den Eindruck, dass es ihn gar nicht juckt, dass es mich juckt.“
„Dort? Sie meinen dort an der Schneidekante … und wann juckt es Sie dort?“
„Na, jetzt gerade … ha, ha, ha … und jetzt auch hier innen, am dicken Höcker des Backenzahns“
„Wo?“
„Na, hier oben. Nein, etwas weiter hinten. Ja, da … und jetzt auch am dicken Zeh. Und hier auch, auf dem Zeigefingernagel, direkt an der Kante. Hier.“
„Das ist ja seltsam. Und was soll ich nun machen? Also, für den Zeh und den Fingernagel bin ich eh nicht zuständig.“
„Egal, aber Sie können mir doch wenigstens das Jucken am Schneidezahn weg machen, oder?“
„Juckt es denn sonst noch irgendwo anders?“
„Wenn Sie mich so fragen, ja. In meinem Gehirn juckt es immer. Immer dann, wenn es an meinem Schneidzahn juckt und am dicken Zeh immer dann, wenn es am Backenzahn juckt.“
„Dann haben Sie vielleicht eine Allergie?“
„Allergie? Sie meinen, es kommt von irgendwas, was ich esse oder trinke?“
„Möglich wäre es – soll ich die Juckzähne entfernen?“
„Gibt es denn keine andere Möglichkeit?“
„Nein, mir fällt da nichts anderes ein.“
„Aber dann habe ich ja Lücken und kann nichts mehr essen.“
„Na, und? Wenn juckt das schon?“

© Kariologiker

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Stellenanzeigen

Wenn man die Samstagsausgabe einer beliebigen Zeitung in die Hand nimmt, kennt nahezu jeder den Griff, der den Anzeigenteil für freie Stellen auf dem Arbeitsmarkt komplett herausfallen lässt.
Das habe ich heute auch wieder gemacht und als erstes viel mir, rein zufällig das von Claus Karst schon erörterte Wort SALES ins Auge. Angeregt und spontan wieder schmunzelnd über die Satire von Claus, schaute ich mal genauer hin, was SALES im Stellenanzeiger zu suchen hat. Und ich war überrascht, denn es wird ein SALES Manager gesucht. Und von wem? Von der Firma Pro Value Consultants. Also eine Firma, die Werte verkauft. Scheint zu klappen, denn die Anzeige war nicht billig, wenn ich nur die Größe und Aufmachung als Kriterium heranziehe.
Nun sind Werte für diese Firma wohl zu wenig, so wie Film heute nicht reicht, um einen Film zu bewerben. Es muss der Film-Film sein und so wirbt diese Firma mit Mehr-Werte – Zitat: „Training und Beratung für Mehr-Werte“
Ich habe mir diese Anzeige etwas länger angesehen und habe mich ernsthaft gefragt, was der Bewerber wohl nun denken soll. Die ganze Verenglischung, Pro ( ach ne, das ist ja Latein ) Consultants, Value, Manager und Sales ist so verwirrend, dass ich mich dort weder bewerben würde, noch mich dort trainieren lassen würde, egal, wie viel Mehr-Werte sie mir versprächen.
Gleich darunter sucht eine Firma einen Mitarbeiter, die sich Mops Catering nennt. Natürlich dachte ich an den Hund, aber nein, sie suchen eine Diätassistentin. Voraussetzung sind Vielseitigkeit und PC-Kenntnisse. Nur der Träger der Firma, die evangelische Stiftung Volmarstein, lässt vermuten, dass die Mops Catering keine Hundefütteranstalt ist.
Da ist es schon erfrischend, die Suche nach einem technischen Zeichner zu finden oder so spannende Berufsbezeichnungen wie Zerreißspannungstechniker. Was der wohl machen muss?
So neben bei ist mir klar geworden, warum King Size Dick aus Köln seine Stadt am Rhein besingt. Also am Originaltext orientiert: „ … ming Stadt am Ring“, fragte ich mich immer, ob es noch ein anders Köln gibt. Doch der Rhein ist deswegen immer wieder erwähnenswert, weil Kreuztal für „Meine Stadt“ wirbt. Es gibt noch nicht mal einen Rinnsal in Kreuztal und so ist in der Liedzeile nicht das „mein“ wichtig, sondern die Betonung „am Rhein“!

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Landung

Heute darf ich meinen Lesern Florian Tekautz vorstellen. Ein Lyriker von Format und klaren Blick auf seine Welt.

 

Landung

Ich kann dir heut nicht helfen
Kann nur einfach bei dir sein
Für dein Jammern, deine Wut
Kann ich gerne Ohr dir sein

Du kannst mir heut nicht helfen
Guter Rat ist nicht gefragt
Auch wenn teuer er sein mag
Rettet er nicht meinen Tag

Ich will dir heut nicht helfen
Das kannst du nur allein
Doch allein gelassen wirst du nicht
Musik muss her und Wein

Du willst mir heut nicht helfen
Denn schon längst hast du verstanden
Dass nicht Worte es oft sind
Die auf Gemütszuständen landen

© Florian Tekautz

 

[Edit] Die Kommentare #1 und #2 von Kollerup Wendt müsste „theopraktisch“ unter Florians Gedicht stehen, so dass man sie direkt lesen kann … aber dann sähe mein Blog aus wie das Facebook … und ein gesichtsnehmendes soziales Netzwerk reicht … oder?

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