Früchtchen_weise

Wenn ich eine Frucht esse, dann habe ich seit meiner Kindheit eine genaue Vorstellung davon, wie eine Frucht auszusehen hat. Eine Kirsche hat nur eine Form, auch wenn Mon Cherie ausländisch ist, hat man die Kirsche nicht umbenannt. Eine Banane ist gelb und krumm und heißt für mich immer Chiquita. Apfelsinen sind sauer und orange. Ein Apfel ist für mich handgroß und grün. Gut, ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, dass es auch rote Äpfel mit Herzchen darauf gibt, aber die meisten Äpfel sind und bleiben grün – vielleicht grün mit roten Bäckchen. Äpfel haben als einzige Namen, die ich fest mit der Frucht verbinde, z.B. Braburn oder Delicius und natürlich das deutsche Urgestein, der Boskop, der, wenn man ihn ungeschält isst, an den Zähnen quietscht und jedes Mal einen Schock für alle Speicheldrüsen ist.

 

 

 

Eine Birne sieht für mich aus, wie eine Birne und schmeckt auch nur so, wie eine Birne zu schmecken hat. Sie ist ebenfalls grün und birnenförmig, eben und heißt fast immer Helene. Meine Frau hatte mir heute eine Birne mitgebracht, bei der ich mit allem gerechnet hatte, nur nicht, dass sie nach einem Tier benannt ist. Auf einem fast überdimensioniertem Etikett stand Forelle. Diese Birne heißt Forelle.

 

 

 

Was haben sich die Fruit-Name-Designer wohl dabei gedacht, eine Birne Forelle zu nennen? Ich habe mich daran gewöhnt, dass Autos nicht mehr heißen, wie Autos und auch nicht mehr so aussehen, wie Autos. Doch bei Früchten gibt es für mich keine Variationen. Ich kenne wohl Fooddesigner, doch machen sie höchstens ästhetische, animierende Bilder von Essen und somit auch von Früchten. Das Produkt selbst wird dabei weder verändert, noch bekommt es einen utopischen Namen.

 

 

 

Neben dem ungewöhnlichen Namen hatte diese Birne, die Forelle heißt, auch keine typische Form. Sie sah nicht aus wie eine Birne, aber auch nicht wie eine Forelle. Eher wie ein Kürbis, der im unteren Teil einen verdickten Korpus hat und sich nahezu röhrenartig schlank nach oben verengt, bis zu dem Zipfel, der diese Frucht mit der Wurzel verbunden hatte, bevor sie geerntet wurde. So sah nun die Birne aus, die fast gelb war und ganz zarte rote Bäckchen hatte. Und nur ein „Nüssel“ oder Zipfel lies zumindest vermuten, dass die Frucht mal an einem Baum gehangen haben muss. So weit, so gut.

 

 

 

Ich schloss Augen und biss in die Birne hinein, die wie ein Kürbis aussah, Forelle heißt und sie schmeckte … ja, fast etwas unerwartet … nach Birne, klassisch nach Birne und nicht nach Fisch. Kein bisschen.

 

Überraschend war auch eine Zahl, die auf dem großen, für eine Frucht sehr großen Etikett stand. 4811. Das stört einen Kölner natürlich, dem die Zahl 4711 ins Gehirn gehämmert worden ist. Und so konnte ich nicht umhin, dieses seltsame Fruitnamedesign unter dem Aspekt einer Sprach-Verfremdung zu betrachten, weil nach den technischen Geräten nun auch die Früchte mit Namen bedacht werden, die weit von dem entfernt sind und auch nicht im Entferntesten an das denken lassen, was diese Frucht charakterisiert.

 

 

 

Also, die Birne, die weder nach Kürbis schmeckte, obwohl sie so aussah und auch nicht nach Fisch schmeckte, auch wenn sie Forelle heißt, sondern wirklich vollmundig nach Birne schmeckt, diese Birne, ich glaube, die kaufe ich mir noch einmal. Sie schmeckt wirklich lecker.

 

 

 

© Kariologiker

 

 

 

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  1. #1 von Das Fräulein Grete Meier am 4. August 2013 - 13:38

    Jaja, die kleinen Kuriositäten denen man im Alltag begegnet sind doch immer ein paar Gedanken wert. Gern gelesen und dabei geschmunzelt.
    Lg vonner Grete

    • #2 von kariologiker am 4. August 2013 - 18:31

      Vielen Dank, Grete,

      ja, es gibt so viele davon … man muss sie erst einmal sehen und dann auch noch…

      Danke
      Kariologiker

  2. #3 von sissi am 5. August 2013 - 10:49

    Amüsantes aus dem Alltag.
    Vor einer Weile stand ich vor dem Obststand und schaute mir Äpfel an. Dabei fand ich *Pink Lady* und dachte: Was für ein Name für einen Apfel. Ich kaufte mir einen, aus reiner Neugierde und mir ging es wie dir. Er schmeckte fantastisch.
    Dir einen lieben Gruß in die Woche

    • #4 von kariologiker am 5. August 2013 - 11:44

      Lach … Sissi,

      ja, den Pink Lady kenne ich auch – und der falsche Artikel vor „der Lady“, das sind ganz typische Anzeichen dafür, dass die Namensgeber wirklich NICHTs mit der deutschen Sprache am Hut haben. Wenn ich den Apfel meine, ist ER ganz klar maskulin. Der Name zum Maskulinum aber rein feminin, also SIE und SIE so feminin, wie es femininer nicht mehr geht. Tja … und jetzt?

      Was soll man jetzt machen? Vielleicht immer die/der Apfel sagen…? Vielleicht bleibe ich bei der Birne, ausschließlich…

      Lieben Gruß
      Kariologiker

  3. #5 von sissi am 5. August 2013 - 19:27

    Ich mag es, Äpfel direkt vom Baum zu pflücken. Dabei weiß ich oft nicht, zu welcher Sorte sie gehören. Äpfel sind Äpfel, Birnen sind Birnen … das ist eine gute Wahl.
    Wenn ich bedenke, welche Reise Pink Lady & Co. so zurücklegen, dann überlege ich schon, ob es ein Apfel aus Neuseeland sein muss oder ein Boskop aus deutschen Landen es auch tut.
    Apflige Grüße aus der Provinz
    sissi

    • #6 von kariologiker am 17. August 2013 - 12:15

      Nicht nur Äpfel umrunden die Erde bis sie beim Käufer sind. Denke nur an Erdbeeren zu Weihnachten, Blaubeeren übers ganze Jahr und sogar Spargel zu jeder Zeit in 365 Tagen pro Jahr.

      Eins allerdings macht mich etwas (schaden)froh – die „Reisegemüse“ schmecken fast ausnahmslos grottenschlecht.

      Lieben Gruß
      Kariologiker

  4. #7 von Josef Rengaw am 6. August 2013 - 13:29

    Lieber Kario,

    dann gibt es noch die süßen Früchtchen der überirdischen Art. Sie sind seit ewig unverändert.

    Gruß
    Josef

    • #8 von kariologiker am 17. August 2013 - 12:12

      Diese Früchtchen, lieber Jupp,

      diese Früchtchen unterliegen aber nicht dem Food-Design. Dafür haben sie etwas, das sich jeder Obsthändler wünscht: Bestand.

      Lieben Gruß
      Kariologiker

  5. #9 von Faktoid am 17. August 2013 - 05:31

    Das Diktat des Food Designs.
    Ich sehe einen Raum von Marketing (Deppen) und höre „Heureka“ wenn sie sich endlich auf „Forelle“ geeinigt habe.
    Alternativ stand „Cabrio“, „Tüte“ und „Slabonk“ zur Auswahl.
    Fürchterlich, traurig, deprimierend. Ich will solche Artikel nicht, sie sollen außerhalb meines Wahrnehmungshorizontes bleiben. Es dringt schon genug anderes ein.
    Lieben Gruß
    Oliver

    • #10 von kariologiker am 17. August 2013 - 12:10

      So sehr wir uns auch davor verstecken wollen … sie werden einem buchstäblich aufgedrängt.

      Ich vermisse jetzt schon in vielen Geschäften Äpfel aus deutschen Anbaugebieten.

      Lass uns das beste draus machen.

      Danke für Deinen positiven Kommentar
      Kariologiker

  6. #11 von angelface am 16. Oktober 2013 - 17:43

    ich verfolge aufmerksam eure birnigen Kommentare während Karios Klänge mein gehirn verzaubern, schmeckt nach auschließlich Wässrigem was aus außer Landes so daher kommt und somit nach nix, – bin deshalb soweit es geht schon ewig lange Selbstversorger und hab mich auf Mundraub spezialisiert, d,h. kein Baum an der Straße oder auf dem feld OHNE meinen Besuch und klettern verlern ich nie!..lacht…Tomaten am STrauch und die Böhnchen kommen auch – also nicht nur das frischsaftige Süße…

  7. #12 von kariologiker am 1. November 2013 - 08:36

    Das, liebes Engelschen,

    habe ich von Dir nicht anders erwartet. Vielleicht sollten wir wieder mehr auf das achten, was am Wegesrand steht. Wer weiß denn schon noch, wie welcher heimische Baum oder Strauch heißt und was an dessen Äste hängend essbar ist?

    Lieben Gruß und einen herzlichen Dank fürs Hören
    Kariologiker

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