Schützenkönisch

 

 

Der Könisch ist tot – es lebe der Könisch

 

 

Während royale Amtsperioden nicht selten Jahrzehnte und mehr überdauern, gibt es einen Majestäten-Zyklus, der recht überschaubar ist, nämlich die des Schützenkönischs.

Vollkommend überraschend war für mich die Ignoranz äthero-medialer Berichterstattung, denn mit keinem Wort wurde der neue Schützenkönisch von Olpe in der Tagesschau der ARD erwähnt, nicht einmal in NTV, hingegen aber ein glatzköpfiger Nachwuchs am englischen Hof ebenso unerklärbar hochgejubelt, wie ein Fußballklub aus dem Freistaat, dessen Leistungsniveau in keinem Verhältnis zu dem steht, was ein werdender Schützenkönsich zu leisten im Stande ist. Ja, das grenzt schon an Blasphemie, doch hat sich zumindest die lokale Presse, also die „Westfalen-Pest“, es sich nicht nehmen lassen, einen vor Spannung kaum zu überbietenden Bericht für den geneigtem Leser zu verfassen.
Ein, vor Esprit sprühendes Journalisten-Duo – die mir nicht näher bekannte Nicole Voss und eine gewisser Herbert Kranz – hat sich tief in die Wirren des Königsschießen eingeschossen und die ganze Dramatik dieses Inaugurationsaktes in Worte gefasst, die mich fast fassungslos zurück gelassen haben. Ich bin erschüttert und auch froh … aber hier erst einmal die spannendsten Momente im Original.

Der Artikel wird mit dem klassischen Satz eingeleitet -“Es war heiß und spannend und relativ kurz.“ Hiernach hätte man m.E. schon das Ergebnis des Vogelschießens folgen lassen können, aber nein, minutiös wird nun jeder Patrone hinterher geschaut und so geht es weiter (auszugsweise) – „Dr. Andreas Kuckertz (Beerdigungsunternehmer) und Andreas Roll (Tätigkeit mir unbekannt – so, wie die alle Personen im Allgemeinen auch) schenkten sich nichts unter der Vogelstange gestern morgen.“ So, so…

Wer so ein Vogelschießen einmal selbst erlebt hat … dieser Holzvogel „sitzt“ nicht, sondern hängt in einem Schusskasten und die Stange ist senkrecht und nicht waagerecht – aber, egal. Für die Journalisten sitzt also diese Gefieder-Attrappe auf einer Stange.
Ein weiterer klassischer Satz folgt: „Beide erwiesen sich als treffsichere Schützen…“ Ja, sie waren so treffsicher, dass der Vogel erst beim 81. Schuss aus dem Schusskasten fiel – doch jeder Schuss geht mit diesem Bericht in die Annalen des Olper Schützenfestes ein, das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche, das sie noch vor dem Vogelschießen abgeschossen hatten.

Weitere, extrem packende Momente werden wie folgt beschrieben: „Bürgermeister Horst Müller hatte kurz nach 10 Uhr (ja, exakt so steht es in dem Artikel, nicht etwas 10.00 Uhr, nein, nein…) den ersten Schuss auf den hölzernen Adler abgegeben.“ Ich glaube, hätte er weiter schießen müssen, wäre der Vogel heute noch nicht herunter gefallen, aber das ist nur ein unwesentlicher und ganz kleiner, persöööönlicher Eindruck von mir. Der Bürgermeister ist natürlich ein ganz toller Hecht aus der CDU – der kann einfach alles, wie jeder Politiker!

„Eine halbe Stunde später fiel einer der beiden Flügel nach einem Schuss von Andreas Roll herunter.“, heißt in dem Artikel weiter. Und jetzt kommt Mathematik ins Spiel, gepaart mit einem Schuss Spannung: „Um 10.23 Uhr drehte sich der Rumpf im Kugelfang und es war eine bange Sekunde des Hoffens für Dr. Kuckertz.“ Offensichtlich steckte der oder die Journalist/in mitten im Kukertz drin – wie sonst kann man die Empathie erklären? Nur das mit den Zeiten … ich habe hin und her gerechnet – ich weiß einfach nicht, was in den sieben Minuten zwischen der vergangen halben Stunde als der eine Flügel fiel und dem zurückliegenden Moment der „Rumpfbeschiessung“ passiert ist. Ein Rumpf ist doch etwas ohne Flügel, oder liege ich da ganz falsch? … nun … vielleicht haben die Olper Schützenbrüder so etwas wie ein Zeitmaschine, in der sie hin und herswitchen können, quasi schalten und walten können – anders kann ich es mir sonst nicht erklären.

„Mit dem nächsten Schuss holte Leutnant Roll die obere Hälfte des Rumpfes aus dem Kugelfang.“, heißt es dann weiter – welch eine Dramatik, welch eine Spannung? Leider fand das Stöhnen und Ächzen der versammelten 500 Gäste (Pi-x-Daumen) keine Erwähnung, doch wie soll, bei dieser Spannung, der emotional involvierte Schützenbruder und -schwester dabei ruhig zuschauen können, gar vollends unbeteiligt bleiben? Und so heißt es im nächsten Satz schlicht , aber chronistisch korrekt weiter: „Als am Ende nur noch ein größerer Holzrest übrig war, bewies Dr. Kuckertz ( Er guckt immer nur kurz … und schießt dann soooforcht, *hüstl) ein sicheres Auge und eine treffsichere Hand.“ Sicher ist sicher und das ist mehr als … aber, was war zwischen dem Rotieren um die Stange und dem „größeren Holzrest“ geschehen? Wir, die wir nicht dabei gewesen sind, wissen es nicht und werden es auch nie erfahren, denn nach meiner Erfahrung wird sich kein Schützenbruder an die Schüsse im Detail erinnern, aber dafür um so besser an die Wartezeit in der Schlange vor’m Bierstand.

Ich bin vollkommen entkräftet, nachdem ich diesen fast schon erschütternden Bericht inhaliert habe. Ich brauche jetzt, egal wie spät es ist, dringend ein Bier. Und mir ist endlich auch klar geworden, warum auf Schützenfesten das Prinzip der Druckbetankung jedes Jahr auf’s neue eine Wiederbelebung erfährt.
Die andere Hälfte des mitreißenden Berichtes muss nun schon unter dem Einfluss eines bekannten Schützenbräus erstellt worden sein, denn folgender kryptischer Satz lässt zwar erahnen, was gemeint worden war, aber auch, unter welchen physischen Einbußen der Chefredakteur zu diesem Zeitpunkt schon gelitten haben muss, denn dort heißt es: „Unter den Zuschauern, die an einem sonnig-warmen Vormittag auf dem (!) Ümmerich gekommen waren (hatten die alle Sex?), um das Vogelschießen mitzuerleben, gab es Beifall, unter der Vogelstange, die ersten Hände zu schütteln.“ Is klar? Ok.

Der Artikel zu dem englischen Thronfolger in dritter Erbfolge liest sich übrigens genauso spannend – ich brauch ein Bier … bitte, ich brauche soforcht ein Bier, bitte! BITTE!

© Kariologiker

 

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  1. #1 von Drago am 24. Juli 2013 - 16:26

    Dat is tragisch und so, woll, wenn die da so am Schießen sind, is dat verdamp spannend,woll, kannse nix sagen, ne

  2. #2 von sissi am 25. Juli 2013 - 16:46

    Mir ist nun vollkommen klar, warum ich weder dem Schützenkönisch noch dem Thronfolger Nr. ? des Vereinten Königreichs etwas abgewinnen kann… lach.
    Ich sag es dir: …hier laufen die Uhren andersrum… das Stroh muss vorm Gewitter rein, die Kartoffeln vom Käfer befreit werden, die Johannisbeeren geerntet werden, bevor der Vogel sie frießt… echt, da kann sich doch niemand um Nebensächlichkeiten kümmern …
    Kario, deine Satire ist vom Feinsten und ich freue mich, wieder einmal von dir gelesen zu haben.
    Lieben Gruß … sissi

  3. #3 von Josef Rengaw am 31. Juli 2013 - 13:31

    Ach Kario,

    scheinbar hast Du es immer noch nicht begriffen, Du bist doch sonst nicht auf den Kopf gefallen. „Vollkommen überraschend war für mich die Ignoranz äthero-medialer Berichterstattung, denn mit keinem Wort wurde der neue Schützenkönisch von Olpe in der Tagesschau der ARD erwähnt, nicht einmal in NTV.“ Also zum x-ten Mal. Die Sensations- und Krawallmedien, journalistische Liebestöter, zu denen auch die öffentlich-rechtlichen Pissrinnen (Georg Schramm) gehören, streuen, gleich einem Güllewagen vor dem Regen, doch nur Deppenkost und Betroffenheitsgesülze in die Landschaft. Was sollen sie beim Schützenfest in Olpe? Dort gibt es weder royal Ausgehirnte noch mehr als 5 Tote. Die zahlreichen Bierleichen gehören zur normalen deutschen Gemütlichkeit wie die Polonaise aus Blankenese, die Jodel-Marianne aus Oberammergau, dröhnendes Schenkenklopfen und dergleichen Schwachsinn. Zur deutschen Folklore gehört selbstverständlich auch „Der Bürgermeister ist natürlich ein ganz toller Hecht aus der CDU – der kann einfach alles, wie jeder Politiker!“ so auch Roberto Blanko und sonstige Bescheuerte.

    Doch es gibt einen Lichtblick für Deinen künftigen Durchblick. „Und mir ist endlich auch klar geworden, warum auf Schützenfesten das Prinzip der Druckbetankung jedes Jahr auf’s neue eine Wiederbelebung erfährt.“ Die Druckbetankung (auf Rechnung des Schützenkönigs – soviel ich weiß) ist doch der Sinn und Zweck der Schützen!!! Alles andere ist doch Rahmengedönse.

    Nach dieser Erkenntnis ist mir Dein Hilferuf verständlich: „ich brauche soforcht ein Bier, bitte! BITTE!“ Ich eile.

    Herzliche Grüße
    Jupp

  4. #4 von Faktoid am 4. August 2013 - 13:27

    Das gruslige ist, dass das vollkommene Versagen von Journalismus nicht erkannt wird.
    „moderne“ Berichterstattung ist eine traurige Angelegenheit. Weitestgehend erledigt von PraktikantInnen, und da ist es egal, ob es sich um den Spiegel, den Stern oder besagtes Westfalenblatt handelt.
    Ich freu‘ mich immer, wenn ich etwas von Heribert Prantl, der für die Süddeutsche schreibt, lese oder wenn in Bayern2 die Radiowelt morgens von Thomas Meyerhöfer moderiert wird.
    Meister der Sprache und des Wortes.
    So schön ist es, fundiertem Zuzuhören oder es zu lesen. So selten mittlerweile, dass es traurig ist.
    Wer einmal eine Rede von Loriot sich selbst laut vorgelesen hat und dabei nicht schallend gelacht, ob der Rhythmik und der Präzision, der hat unsere Sprache noch nie bewusst genossen.
    Schade, dass solcher Ehrgeiz nicht mehr besteht.
    Ich war einmal ein einer kleinen hessischen Lokalredaktion. vor ca 20 Jahren, als der Verleger rein gestürmt kam und rief, man solle den Artikel streichen, den interessiert eh keinen, er habe noch eine Anzeige verkauft.
    Damals wurde mir schlagartig klar, worum es im Verkauf von Zeitungen und Magazinen geht – nicht um Inhalte. Das ist Füllstoff….
    traurig..
    Oliver

    • #5 von kariologiker am 4. August 2013 - 13:34

      Danke, Oliver,

      diesen Eindruck habe ich nicht nur für die Sprache registriert, sondern ebenso für die Musik und besonders für das Fernsehen. Alles scheint eine Masse bedienen zu müssen, die Flachsinn als Mittel für Werbeeinspielungen betrachten.

      Ja, so ist es … traurig.

      Lieben Gruß
      Kariologiker

      • #6 von Faktoid am 4. August 2013 - 13:45

        Abseits des Mainstream ist immer noch etwas, was man genießen kann.
        Ob es Lambchop waren oder Elektrofrickler wie Mouse on Mars oder Trentemoeller…
        Wobei ich auch die meiste Zeit ältere Musik höre, alte Bücher lese..
        Nothing beats Stevie Wonder oder Crosby Still Nash & Young..
        Oder einmal Conny Plancks Ultravox Album Vienna vorwärts und zurück hören.
        Das muss ich nicht mehr, ich kenn‘ es schon auswendig.
        Und genau dafür fehlt heute der Raum, es lohnt sich auch kaum.. Soll ich mir ernsthaft ein Album, dass heute in den Top 10 ist, so intensiv anhören, wie, wegen mir Unbehagen von Nina Hagen?
        Ernsthaft? Ich bin doch kein Masochist….
        LG
        Oliver

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