Waagemann

von Conrad Cortin


Hole mich schleunigst hier raus; die Adresse ist Strindberg Straße 13. Seit drei Tagen versuche ich vergeblich, mich zu verabschieden. Dabei wollte ich höchstens zwei Stunden bleiben. Du kennst die Leute nicht. Die Frau des Hauses lernte ich selber erst vor zwei Wochen kennen. Ich kam mit ihr bei einer Astrologentagung ins Gespräch. „Sie sind Waagemensch, wunderbar, ich bin Widder, lassen Sie uns das Thema bei mir zu Hause vertiefen. Ist Ihnen der Samstag Abend recht?“


Ich habe den Fehler gemacht und mich an die Vereinbarung gehalten. Sie stellte mir ihre Familie vor. Ihre drei Kinder und die Großeltern. Alle Feuerzeichen im vierten Haus, mühsam erstickte Flammen; hinter den Fassaden schwelt es. Auf mich als Waagemensch laden sie seit nun über einer Woche ihre Differenzen ab, mal auf die eine Seite der Waage, mal auf die andere. Und ich soll das Gleichgewicht herstellen. In einem sind sie sich allerdings einig: Sobald sie mich fortlassen, geraten sie sich wieder in die Haare. Der Ehemann, seines Zeichens Wassermann, machte sich vor Monaten zu anderen Ufern auf. Die Vermittlerrolle lag ihm nicht. Ich kann es ihm nachfühlen.


Leider muss ich zugeben, dass ich nicht zum ersten Mal Opfer meiner Gutmütigkeit geworden bin, dieser ärgerlichen Schwäche nicht „nein“ sagen zu können. Dabei war ich als Waagemann innerlich vom ersten Augenblick an in Opposition gegen diese Widderhausfrau. Ich halte es hier keinen Tag länger mehr aus. Du musst mich rausholen. Sie haben mein Fahrrad versteckt. Bis ich zu Fuß zum Bahnhof komme, haben sie mich leicht eingeholt. Ohne Deine Hilfe bin ich verloren.

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  1. #1 von sissi am 17. März 2013 - 11:07

    Ein ganz wunderbarer Text von Conrad, den ich mit Freude gelesen habe.
    Über die Gutmütigen, jene, die sich vereinnahmen lassen bis an die Grenze der eigenen Zerbrechlichkeit. Conrad kann mit Worten umgehen wie kein anderer, liebt das Absurde und dringt dabei tief in die Innenwelt seiner Protagonisten ein.
    Seine Geschichten sind wie Sahnehäuptchen, man muss sie lieben und ist froh, dass sie kein Hüftgold erzeugen.
    Chapeau, lieber Conrad.
    Dankeschön, lieber Kario für diesen Text.
    Herzlichst sissi

  2. #2 von angelface am 19. März 2013 - 03:47

    ich hab ihn auch gelesen und finde, es zeigt Conrad in seinen unglaublichen Facetten der Lebensweisheiten, wunderschön und ausdrucksstark…
    man sieht solche Texte führen einen immer wieder hier her.
    Angelface

  3. #3 von kariologiker am 19. März 2013 - 07:46

    Hallo, Ihr beide, liebe Sissi und liebes Enhelschen,

    ja, mich hat dieser Text auch begeistert und ich habe ich sofort, nachdem ich ihn das erste Mal gelesen habe hier eingestellt … wohl wissend, dass gerade die alten Recken aus BookRix Conrad Cortin genauso gerne lesen wie ich.

    Und auch ich habe das gleiche empfunden, wie Sissi, bezgl. des Ausgenutzt werden und der damit verbundenen Problem und ebenso das Facettenreichtum, mit dem man immer wieder in Conrads Texten konfrontiert wird. Gerade seine Kunst zu abstrahieren ist bemerkenswert und schätzenswert.

    Lieben Gruß an Euch beide
    Kariologiker

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