Archiv für März 2013

Synchronschwimmen

Synchronschwimmen

Eine Sportart, die man vielleicht mögen kann, zu der man aber zumindest schon eine gleichwertige Einstellung haben muss, wie zum Eiskunstlaufen, denn das Schwimmen an sich ist kein Schwimmen, wie man es langläufig als Schwimmen kennt, da man mit derartigen Verrenkungen noch nicht einmal das Seepferdchen bekäme, ist das Sychronschwimmen. Und weil es bei dieser Sportart Schiedsrichter gibt, die nicht nur darüber entscheiden müssen, ob die Schwimmanstrengungen synchron waren, sondern auch noch benoten, ob das schön war, was der Wassersportler erschwommen hat, ist es eher ein Wettkampf, den nicht der Sportler gewinnt, sondern ein Richter gewinnen lässt. Wobei Schwimmen in dieser Sportart sehr wenig mit synchron zu tun hat, es sei denn man definiert Schwimmen einzig als die Fähigkeit, nicht zu ertrinken.


Eine ganz spezielle und von mir überaus begierig verfolgte Disziplin des Synchronschwimmens ist das

Einzelsynchronschwimmen.

Schon die Wahl des Begriffes lässt mich stark an dem Gesinnungszustand der Sportartenbezeichner zweifeln, denn wenn synchron etwas damit zu tun haben könnte, dass zwei Individuen etwas Identisches gleichzeitig und parallel ausführen, dann hat das Einzelsynchronschwimmen schlicht einen Schwimmer zu wenig, um auch nur annähernd definitionsgerecht als Bezeichnung erklärbar zu machen, was wirklich damit gemeint ist.

Das Einzelsynchronschwimmen wird, wie alle anderen Synchronschwimmendisziplinen, als offizielle Wettkampfdisziplin ausschließlich von Frauen ausgeübt. Undenkbar, und wodurch es zu einem direkten Ausschluss einer Synchronschwimmerstaffel kam, ist die Teilnahme eines männlichen Synchronschwimmers. Männer können das nicht und damit dürfen Männer das nicht, entschied das IOC vor nicht all zu langer Zeit und damit basta. – Und der Mann konnte vielleicht synchron … also ehrlich, ich kenne mich darin vielleicht nicht so gut aus … doch wenn der nicht synchron war … aber lassen wir das –

Eine grazile, dem Hungertod nah erscheinende, blonde Zierlichkeit – alle Synchronschwimmerinnen sind blond … bis auf die dunklen – grell und wasserfest geschminkt, die Haare kunstvoll in Form gebracht und noch kunstvoller festgesteckt, mit einer überdimensionalen Nasenklammer im Gesicht, steht nun in ihrem Glitterbadeanzügleinchen, schielend ( wegen der Nasenklammer schielen fast alle Synchronschwimmerinnen ) am Beckenrand, verbeugt sich gekünstelt wie eine Ballettratte, schwingt ihre spargeldünnen Ärmchen in ‚pas-de-deux Stellung’ und wartet.


Plärrend laut und scheppernd setzt plötzlich Musik ein, die, schon allein durch die ureigene Schwimmbad-Akustik in unendlicher Doppelung durch reflektierende Kachelwände entstanden Echoeffekte, frühestens nach der Hälfte der Darbietung erst erkennen lässt, dass es sich um ein klassisches Stück handelt. Dieser Musikeinsatz nun provoziert reflektorisch bei der Einzelsynchronschwimmerin eine kaum merkliche Bewegung. Sie hupft vom Beckenrand ins Wasser und ist weg. Untergetaucht. Sie bleibt abgetaucht und fast schon haben sich die Wellen verlaufen und die Wasseroberfläche sich geglättet, da taucht etwas auf. Beine. Mit durchgestreckten Füßen voran bohren sich diese Beine aus dem Wasser.


Nun kommt die Kür, die fast ausschließlich, wie eine Ente beim Essen sammeln, mit dem Kopf unter Wasser stattfindet. Die langen, ebenfalls spargeldünnen Beine ragen in anstrengend aussehender Verrenkung aus dem Wasser heraus und versuchen nicht nur eine grazile Bewegung durch kreuz und quer schwingen zu vollziehen, sowie in wechselseitig rasanten Drehungen ihre Extremitäten ein und abzuknicken, sondern lösen bei jedem unbedarften Besucher und Zuschauer einen unvermeidbaren Rettungsinstinkt wach, so dass man sie alle, fast körperlich schon rufen hört: „Mädchen, komm, nun hol doch endlich mal Luft.“ Die Tauchphase ist oft so lange, dass niemand daran glaubt, dass es ohne Unterwasserbeatmung durchführbar ist, was diese Synchronschwimmerinnen leisten. Ich kenne keinen, der es solange unter Wasser, ohne Luft nachzutanken, aushielte, besonders dann nicht, wenn er unentwegt zappelt. Bei mir zu Hause in der Badewanne schaffe ich es keine Minute lang unter Wasser zu bleiben und das bei völlig entspannter Badelage.


Die kakophone, echoverstärkte Musik läuft unerbittlich weiter und das arme Mädchen muss sich immer weiter abstrampeln. Plötzlich verstummt die Musik. Die Kacheln geben die restlichen, reflektierten Töne noch zaghaft abklingend wieder und genau mit diesem finalen Ton reißt die Einzelsynchronschwimmerin den Kopf aus dem Wasser, giert unendlich beherrscht nach Luft und setzt, während sie in einer Schlusspirouette den Spargel über den Kopf wirft, eine Lächeln auf, als ob sie so eben erfolgreich einen weiteren Abschnitt ihres einsamen Sexuallebens absolviert hat. Tosender Applaus soll nun die Schiedsrichter beeindrucken, die alles scharf beobachten haben,  – weswegen sie noch lange nicht Scharfrichter genannt werden… –  und nach den Höchstnoten greifen lassen.
Die Ente ist aufgetaucht und wer nun meint, sie watschelte völlig entkräftet aus der Schwimmhalle, der hat sich getäuscht. Mit der zweiten Luft, denn mehr hatte sie bisher nicht, stolziert sie nun im Zehenspitzengang und ballerinahafter Körperstreckung am Beckenrand entlang, als ob sie damit einen der strammen Turmspringer für den Abend aufwärmen wollte und das mit unvermindertem, wie fest gefrorenem Lächeln.
Der Wettkampf ist für diese Teilnehmerin des Einzelsynchronschwimmens zu Ende.
Nach der Leistungseinteilungsentscheidung, deren Begutachtungskriterien mir völlig schleierhaft sind, klappt das Klappergestell dann endlich doch noch auf Normalgröße zusammen und schlendert so, wie man es von einem normalen Menschen kennt, aus der Schwimmhalle heraus.

Doch bevor die Nächste, quasi die Zwillingsschwester auftritt, denn alle Einzelsynchronschwimmerinnen sehen gleich aus – fast gleich aus – stellt sich mir dringlicher den je die Frage, warum ertrinken diese Hungerstangen nicht und warum heißt es Einzelsynchronschwimmen? Müsste es nicht Einzelsynchrontauchen heißen oder gar Einzelsynchronextremtauchen? Denn das diese bulämiebetonte Sportart von jeder Akteuresse synchron war, sollte nicht die Frage sein. Schließlich gab es ja keine störende Einzelsynchron-mit-schwimmerin.


Doch so ist der Sport eben. Fair? Hauptsache Wettkampf, doch für welchen Preis?

© Kariologiker

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Anrufversager

Mein Beispiel für kölsches Monologisieren im neuen Kleid.

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MyCriminellIllness

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Waagemann

von Conrad Cortin


Hole mich schleunigst hier raus; die Adresse ist Strindberg Straße 13. Seit drei Tagen versuche ich vergeblich, mich zu verabschieden. Dabei wollte ich höchstens zwei Stunden bleiben. Du kennst die Leute nicht. Die Frau des Hauses lernte ich selber erst vor zwei Wochen kennen. Ich kam mit ihr bei einer Astrologentagung ins Gespräch. „Sie sind Waagemensch, wunderbar, ich bin Widder, lassen Sie uns das Thema bei mir zu Hause vertiefen. Ist Ihnen der Samstag Abend recht?“


Ich habe den Fehler gemacht und mich an die Vereinbarung gehalten. Sie stellte mir ihre Familie vor. Ihre drei Kinder und die Großeltern. Alle Feuerzeichen im vierten Haus, mühsam erstickte Flammen; hinter den Fassaden schwelt es. Auf mich als Waagemensch laden sie seit nun über einer Woche ihre Differenzen ab, mal auf die eine Seite der Waage, mal auf die andere. Und ich soll das Gleichgewicht herstellen. In einem sind sie sich allerdings einig: Sobald sie mich fortlassen, geraten sie sich wieder in die Haare. Der Ehemann, seines Zeichens Wassermann, machte sich vor Monaten zu anderen Ufern auf. Die Vermittlerrolle lag ihm nicht. Ich kann es ihm nachfühlen.


Leider muss ich zugeben, dass ich nicht zum ersten Mal Opfer meiner Gutmütigkeit geworden bin, dieser ärgerlichen Schwäche nicht „nein“ sagen zu können. Dabei war ich als Waagemann innerlich vom ersten Augenblick an in Opposition gegen diese Widderhausfrau. Ich halte es hier keinen Tag länger mehr aus. Du musst mich rausholen. Sie haben mein Fahrrad versteckt. Bis ich zu Fuß zum Bahnhof komme, haben sie mich leicht eingeholt. Ohne Deine Hilfe bin ich verloren.

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