Lesen Sie Zeitung?

Zeitung lesen dient der Information und damit der Meinungsbildung. So lese ich natürlich täglich die Tageszeitung und bin immer wieder darüber erstaunt, wie alles, was vor eine Kamera gezerrt wird, dämlich gezwungen grinst. Das fängt bei den Politikern an und hört beim lokalen Vorsitzenden des Kaninchenzüchtervereins auf. Wer selbst schon einmal die Ehre hatte in der Zeitung mit Bild erwähnt zu werden, wird sich sicher daran erinnern, dass man immer lächeln musste, auch wenn es noch so gekünstelt aussah. Das allein jedoch wäre keiner Bemerkung würdig, wenn das die einzige Dummblödelei wäre.

Blättert man sich durch die Zeitung durch, merkt man irgendwann, dass wir sehr selektiv lesen. Die Titel reichen oft schon aus, dass man einen Artikel nicht liest. Wenn, wie gestern in unserem Käseblatt, die Headline heißt: „Merkel macht Tempo bei der Energiewende“, dann ist das schon ausreichend, um entweder dem Redakteur für sein Holperdeutsch eins um die Ohren zu geben oder den Chefredakteur zu fragen, warum er diese Überschrift zugelassen hat.

Jeder Mensch weiß, dass es keine Energiewende gibt. Denn die Einwende für die Stellwände, die die Wende bewirken soll, sie aber unübersehbar jeden Versuch eines echten, „alternativlosen“ Energiekonzeptes konterkarieren, sind unübersehbar. Tags zuvor erst hatte man verkündet, dass fast alle Fotovoltaik-Hersteller in Deutschland pleite machen und nur so lange ihre Betriebswirtschaftlichkeit gegen die Konkurrenz aus China aufrecht erhalten werden konnte, solange sie subventioniert worden sind.

Ohne einen Satz des Artikels gelesen zu haben, frage ich mich weiter, was die (neue) Floskel „Tempo machen“ wohl bedeuten soll? So spricht vielleicht das Präkariat in ihrem intelligenzreduziertem Umgangston, doch ich hätte zumindest die Umschreibung „auf’s Tempo drücken“ gewählt, weil hier zumindest die Assoziation mit einem Gaspedal, das man drückt, diese Floskel m.E. mehr rechtfertigen würde.

Nachdem ich dann diese Überschrift zerbröselt hatte, habe ich das sogenannte „Abstracts“ gelesen, also den Teil, der weniger dick und weniger groß vor dem eigentlichen Artikel kommt, in dem dann das alles noch einmal verhackstückt wird.

Angela Merkel (CDU) verschärft das Tempo in der Energiewende.“ beginnt diese Zusammenfassung – und dann kommt die Kernaussage, wie diese Verschärfung aussieht. Mario Barth würde jetzt in einer unendlichen Wiederholung den Witz mit seinem „Pass uff, jetz‘ kommt’et“ verkümmern lassen, doch dieser konditionierenden Vorspannung bedarf es bei dieser comediengleichen Selbstverstümmelung ganz und gar nicht, denn nun heißt es schlicht:

Bis Jahresende will die Bundeskanzlerin Merkel (CDU) wissen, welche zusätzlichen Netze wir brauchen und welcher Handlungsbedarf im Kraftwerksbereich besteht.“

Spätestens an dieser Stelle ist der Artikel für mich gestorben und blättere umgehend zu den Todesanzeigen weiter. Warum soll ich einen Artikel lesen, dessen Inhalt schon im Titel die politische Unfähigkeit demonstrativ zur Schau stellt.

Nett fand ich, dass man dem Leser erst gar nicht zutraut, nach nur wenigen Worten noch wissen zu können, welcher Partei unsere „Bundesmerklerin“ angehört (CDU). Danke, Westfalenpost, für diese Demaskierung, denn der Redakteur schließt hier wohl von sich auf andere.

Erinnern wir uns, wie die Energiewende zustande kam, dann ist es doch toll, dass die politische Führung dieses Landes, die vom Wähler das Vertrauen (!) zugesprochen bekam, für das Wohl unseres Landes zu sorgen, und damit für jeden einzelnen Bewohner sich dafür verantwortet, dass dessen Leib und Leben keinen Schaden nimmt, sich jetzt, nachdem sie in einem unvergleichlichen Schnellschuss ihre eigenen Überzeugungen über Bord geworfen hatten, nun wie der Wirbelwind sich nahezu in einem Affenzahn an die Aufgabe heran wagt, den Akt der Energiewende zu beschleunigen. Man will bis Jahresende – also quasi schon bis morgen! – wissen, was man für eine Energiewende überhaupt braucht.

Puhh, das ist mir fast schon unheimlich. Wenn das mal nicht in einem Geschwindigkeitsrausch endet…

Ich bin so stolz auf unsere „Bundesmerkel“ und „Mutti der Nation“, die schlägt jeden Handwerker um Längen.

© Kariologiker

Advertisements

, , , , , , , , ,

  1. #1 von angelface am 18. Mai 2012 - 03:14

    dein berühmt-berüchtigter Sarkasmus lieber Kario kommt hier
    richtig zum Leuchten…
    ich hab mich wirklich
    k ö s s t l i c h amüsiert…Bravo..schmeiss die Tageszeitng ungelesen in die Tonne..ist eh nur Alt-undpapiermüll und stimmt meistens nich…lacht..aber; unterhaltsam, jaaa..das kann sie durchaus sein..ich lese sie auch, manchmal…und könnt mich kringeln!!!!..

  2. #2 von Dr. Ulrike Lupi-Fuß am 25. Mai 2012 - 10:21

    Meine Damen und Herren: Macht Tempomachen Sinn? Die in Deiner Satire Angesprochenen und Besprochenen sind machtverliebt; deshalb macht bei ihnen Tempo Sinn (wenn es schon sonst nichts gibt…)
    Trefflich hast Du diese Herrschaften und die anderen, die ihren Unsinn schriftlich hinausposaunen, seziert!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: