Sind Literaturplattformen möglich?

N E I N!

Auf wie vielen Plattformen oder Foren auch immer ich Mitglied war, überall zeichnet sich mit der Zeit durch Simplifizierung, durch Unwissenheit, Klischees und Wortarmut ein erschreckendes Bild des literarischen Grauens ab.

Je mehr User eine Plattform „überfallen“, desto größer wird die Zahl der präkariösen Bildungsresistenten, die aber stets von sich behaupten alles zu wissen und der an Dreistigkeit grenzenden Überzeugung sind, das Wissende blöd sind.

Ja, in diesem Widerspruch lebt jedes Forum, jede Plattform und jeder „Verkaufsbude“ im Internet – wenn nicht gar, bis auf wenige Ausnahmen, das ganze Internet? Sogar das Bedienungspersonal wird gerne, ja sogar vorzugsweise aus jenem Pool rekrutiert, die das oben genannte Niveau zu bedienen wissen, denn was will sich ein Plattform-Anbieter mit einigen wenigen Klugen herum schlagen, wenn sich 100.000 denkeingeschränkte Plagiatoren leicht lenken lassen? Dafür müssen die Administratoren – oder Ad-Mini-Diktatoren – eben nur die Qualität haben, dem geistigen Mainstream folgen zu können oder zu wollen und nicht die Kunst der Lyrik beherrschen oder gar Prosa kennen müssen. Welch ein hehrer und doch unsinniger Anspruch.

Man hat mich in einer geradezu menschenverachtenden und Urheberrecht verletzenden Form nun von der selbst ernannten „demokratischen Literatur-Plattform“ BookRix – www.bookrix.de – verwiesen, um nicht zu sagen raus geschmissen. Mit dem kompletten Löschen meines Account hat gleichzeitig alle meine Werke, die natürlich nur mein geistiges Eigentum sind und damit auch im Internet geschützt sind gelöscht.

BookRix ist alles andere als demokratisch. Die Administratoren kennen eben den alten Henry Ford Spruch nicht: „Keine Werbung ist schlecht, selbst schlechte Werbung ist gut, weil man besser nicht ins Gerede kommt.“

Gegen Dummheit ist eben kein Kraut gewachsen!

*

Mein lieber Weggefährte auf BookRix und Literatur-Freund Josef Rengaw hat für meinen unfreiwilligen Abgang sehr schöne Worte gefunden und so will ich sie auch keinem vorenthalten.

Versuch einer Annäherung

Wer sich Kario, dem Typ Mensch, dem Kölner, nähern will, mehr als die Belanglosigkeit der Bezeichnung als „Freund auf Bx“ hergibt, muss sich dem Verstehen der Tiefe, dem Ernst, hinter Tünnes und Schäl und deren Verhalten nähern. Ich versuche es mit einem Zitat aus der persönlichen Korrespondenz – Kario wird das nicht als Vertrauensbruch ansehen – anlässlich seines Textes über die „Ahl Säu“.

„… evver für die kölsche Hymne jiddet ne Text, der alternativ vun de „Ahl Säu“ (die bodenständge, straßenkarnevalistische Truppe, der ich seit 40 Jahren angehöre) kreiert han:
„Wenn isch so aan d’r Dinge denke
un sin d’r Minge vür mir stohn
mösch ich d’r Minge jlatt verschenke
un mösch mit Dingem poppe john.“
Die ‚Ahl Säu‘ wurden ca. ’36 von Kölner Künstlern als Protest gegen den konventionellen Karneval ins Leben gerufen und behaupten sich bis heute als widerspenstiger Haufen, dem kein Blatt zu „dreckelisch“ (Firkesfött’sche) ist, es vor (!) den Mund zu nehmen.“

Das Widerspenstige, das Anarchistische im Bürger tut sich auf; wird sichtbar im hoch gebildeten Bürger, Welten von der Flachhirnigkeit der Comedys in den Pissrinnen (Georg Schramm) der Matschbirnenmedien entfernt. Die Herkunft des Karnevals aus der Verhohnepipelung der (französischen) Besatzungsmacht; harter Kern der Satire, die erst mit dem wiehernden Lachen anfängt: der Bürger als Aufklärer. Kario.

2008 wurde ich Mitglied von Bx, damals mit einigen vielversprechenden Eigenschaften, die dem Gedanken eine Literaturplattform zu werden nahe kamen. Kario war ein Leuchtturm und Garant für die erwartete Qualität, insbesondere für eine Unterhaltung auf hohem Niveau. Unvergessen sind mir seine Texte, etwa die Betrachtungen über die 13 Vorhäute oder die Szene im chinesischen Restaurant.
Mit der Zeit hat sich der Charakter von Bx stark gewandelt, im letzten halben Jahr radikal und mit Verve zu einer infantilen Schulhofdaddelbude, in der die herrschende Einfalt von Bx via Ebook abgegriffen wird. Man muss schon Glück haben, unter den Elfen, Vampiren, Werwölfen und dergleichen Gehirndiarrhoe auch einen genießbaren Text zu finden.
Vor diesem Hintergrund ist der von Bx getätigte Rauschmiss von Kario völlig – so pervers das klingen mag – konsequent. Niveau stört die Harmonie des flachhirnigen Gedaddels der Fäkebukgeneration, besonders wenn die offene Schnauze kritisch ist.

Der „Fall Kario“ ist für mich exemplarisch für die große Enttäuschung und Ernüchterung des web 2.0. „Jeder kann jederzeit seine Gedanken der Öffentlichkeit zugänglich machen“ hat die in der Gesellschaft herrschende Blödigkeit zutage gefördert.

ridi, Pagliaccio, e ognun applaudirà!
Tramuta in lazzi
lo spasmo ed il pianto;
in una smorfia il singhiozzo
e’l dolor! Ah!
Ridi, Pagliaccio,
sul tuo amore infranto.
Ridi del duol che t’avvelena il cor.

Herzliche Grüße, Dir Ahl Säu,
Jupp

Danke, lieber Jupp

Kariologiker

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  1. #1 von Claus am 7. April 2012 - 12:56

    Lieber Kario,
    Autorenforen im Internet sind nach meiner Meinung weitgehend Zeitverschwendung, Da behacken sich Menschen, die sich meistens nicht einmal kennen, wie Legehennen und rupfen sich die Federn aus. In kaum einer Branche gibt es so viel Neid. Das Üble daran ist, dass sich unter den Rupfern so viel Wortgewaltige befinden, die in der Lage sind, das Hacken schmerzhaft zu gestalten. Ich hab’s inzwischen aufgegeben – im Internet.
    Allerdings bin ich Mitglied in zwei Autorenkreisen (einer davon existiert bereits 50 Jahre!), die sich regelmäßig treffen. Dort kann man sich unter vier Augen unterhalten, auch mal kontrovers diskutieren, sich auch mal einen Rat holen oder einen geben.
    Das Internet wird niemals einen direkten menschlichen Kontakt ersetzen können – und das ist auch gut so,
    meint Claus

  2. #2 von kariologiker am 7. April 2012 - 14:58

    Wie recht Du hast, Claus,

    auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass selbst die schon guten Internet-Kontakte erst durch den persönlichen Kontakt die Tiefe bekommen, die man sich im Netz nicht oder nur bedingt aufbauen kann, wenn man ausschließlich ohne reale Kommunikationshilfen, wie Mimik oder einen Blick in die Augen, kontrovers diskutieren will.

    Lieben Gruß
    Kariologiker

  3. #3 von Fred Lang am 9. April 2012 - 07:10

    Der Meinung von Claus schließe ich mich im Wesentlichen an, lieber Kario, und bedaure sehr, dass du solche negativen Erfahrungen bei BX machen musstest.
    Im Übrigen gilt auf all diesen „Plattformen“ nach wie vor: beweihräucherst du mich, beweihräuchere ich dich. Wie simpel!

    Herzliche Grüße
    Fred

  4. #4 von sissi am 10. April 2012 - 10:10

    Wie alt muss der Mensch werden, um zu begreifen?
    Was wollen die Macher einer Literaturplattform erreichen? Gute Literatur von einigen Wenigen oder Usermasse und Geschreibsel, was das Zeug hält.
    Die Gier steht auch hier im Vordergrund, die Masse will bedient sein und die Wenigen, die hinten
    runter fallen, zählen nicht. Schon lange haben gute Schreiber die Plattform verlassen und Jene, die übrig blieben, kämpfen gegen Windmühlen.
    Werden sie zu unbequem, entfernt man sie wie Unkraut am Wegesrand.
    Es ist eine Ungeheuerlichkeit, dass man es sich herausnimmt, Bücher zu löschen, die einem nicht gehören.
    Auf zu neuen Ufern, wenn der Pegel steigt.

  5. #5 von kariologiker am 10. April 2012 - 17:10

    Unter:
    http://www.literaturcafe.de/outsourcing-des-lektorats-droemer-knaur-geht-mit-neobooks-neue-wege/

    habe ich folgenden Artikel gefunden (Ausschnitt)

    Wer prüft die Qualität der Texte?

    »Schreiben ist zu 90% Handwerk und zu 10% Inspiration« – ich weiß nicht mehr, wer diesen Satz von sich gegeben hat, doch er trifft meines Erachtens zu. Und Orthografie und richtige Grammatik gehören zweifelsfrei zum Handwerk. Warum mutet man den gutwilligen Rezensenten derartig grauenvolle, fehlerstrotzende Pamphlete zu? Wäre hier nicht eine Vorkontrolle, die nur diejenigen Manuskripte »durchlässt«, die die Mindeststandards erfüllen, eine nette Geste an diejenigen, die sich die Mühe machen wollen, dem Droemer Knaur Verlag die Arbeit abzunehmen?

    Hierbei könnten auch die – fern von literarischer Verarbeitung angesiedelten – »ich habe was erlebt«-Geschichten aussortiert werden. Denn wenn der Autorin einziges Motiv für eine Veröffentlichung ist, wie man mit/trotz einer Krankheit/Behinderung sein Leben meistert, sollte man wohl eher zu einer Selbsthilfegruppe oder einem entsprechenden Online-Forum raten als zu einem Verlag. Und selbst wenn von dem Opfer eine Vergewaltigung naturgemäß als ein furchtbarer Einschnitt in das eigene Leben empfunden wird, ist deren Schilderung sicher ebenfalls für ein Verlagsportal ungeeignet. Denn unter der Rubrik »Drama« sind nun einmal nicht die persönlichen gemeint, sondern es darf vermutet werden, dass es sich hierbei um das literarische Genre handelt.

    Auch die Beziehung einer 56-jährigen Frau zu einem 26-jährigen Türken, geschrieben in einem Deutsch, das weit unter Realschulniveau ist, gehört wohl eher auf Seiten, die sich mit dem Phänomen des »Bezness« befassen, als auf eine Literaturplattform.

    Verlagsmitarbeiterin Ina Fuchshuber schreibt zwar, dass TopRezensenten (pro vollständig ausgefüllter Rezension erhält der Rezensent 5 Punkte, hat er sehr viele Punkte gesammelt, steigt er zum TopRezensenten auf) Werke melden können, »die nicht den Mindestansprüchen genügen«, doch es scheint noch niemanden in den 2 Monaten der Betaphase gelungen zu sein, die entsprechenden Punkte zusammenzubekommen.

  6. #6 von Josef Rengaw am 11. April 2012 - 09:46

    Gleich zu Beginn seines Textes nennt Kario fundamentale Ursachen dafür, dass mit dem Anspruch „Literaturplattform“ gestartete Projekte fast naturnotwendig zu platten Daddelformaten mutieren: „Auf wie vielen Plattformen oder Foren auch immer ich Mitglied war, überall zeichnet sich mit der Zeit durch Simplifizierung, durch Unwissenheit, Klischees und Wortarmut ein erschreckendes Bild des literarischen Grauens ab.“ Daraus zieht konsequent Claus den Schluss: „Autorenforen im Internet sind nach meiner Meinung weitgehend Zeitverschwendung.“
    Kein Wunder. Wirkliche Schriftsteller schnuppern allenfalls kurz, bevor sie verschwinden. Ambitionierte Amateure ziehen nach enttäuschten Erwartungen ab oder verstummen. Übrig bleibt das simple Gesumse. Foren der Witze-Erzähler, 5 Witzsammlungen als Knovolut für 1,50 € bei ebay ersteigert reicht ihnen, um sich 2 Jahre mit ihrem literarischen Niveau zu präsentieren; Tummelplätze der (vom Laien sie oft als pathologisch klassifizierte) Selbstdarsteller und „Deutschlehrer“, die keine Sachbeiträge liefern, sondern sich als Aufmerksamkeitsheischende vorstelle; Sammelbecken der Schulhofkinder, die mit ihren Twilights und RPG’s kein Ende finden. Plattformen für die Varianten von pubertär Infantilen und in solchen Zustand Regredierten – alles, nur keine ernsthaft an Literatur Interessierten und daran Arbneitenden. Tatsächlich, da bietet eine 13-Jährige, die noch nie einen Duden gesehen hat, eine Gruppe in „Creative writing“ an. Ein 51-Jähriger, der immerhin schon mal gehört hat, dass es den Relativsatz gibt, wendet sich – Sadomasochisten ausgenommen – mit Grauen von einer derart in allen gesellschaftlichen Schichten verbreiteten platten Blödigkeit ab.
    Ein erhellendes Schlaglicht auf die veröffentlichte Simplifizierung wirft DER SPIEGEL 15/2012, S. 26 in einem Kurzbericht, in dem ich eine wesentliche Ursache für die Entwicklung exemplifiziert finde. „Ein Abgeordneter der Piratenparte und ein SPD-Ministerpräsident sitzen in einer Talkshow“, heißt es dort. „… bei solchen Themen, wo wir dann tatsächlich auch nicht soviel Ahnung haben, sagen wir …“ Worauf der Ministerpräsident Beck erwiderte: „Wenn das Leben so primitiv wäre wie ihre Argumentation, dann will ich hier nicht mehr leben.“ Wer will dem Urteil widersprechen: verbal und inhaltlich Gebrunze auf niedrigst möglichem Niveau der Fäkebukgeneration. Damit liefern unsere gewählten Repräsentanten die Blaupause für das unsägliche intellektuelle Prekariat, das die Plattformen im Internet zuwuchert. Nicht mehr das Volk, sondern der Pöbel jeder Couleur herrscht. Menschen mit einem auch nur leichten Anhauch von Literatentum wenden sich angewidert von solchen Kotzkübeln. Wer lässt sich so vom intellektuellen Prekariat anpöbeln?

    „Gegen Dummheit ist eben kein Kraut gewachsen!“ Wie wahr ist die Feststellung von Kario.

    „Allerdings bin ich Mitglied in zwei Autorenkreisen (einer davon existiert bereits 50 Jahre!), die sich regelmäßig treffen. Dort kann man sich unter vier Augen unterhalten, auch mal kontrovers diskutieren, sich auch mal einen Rat holen oder einen geben.
    Das Internet wird niemals einen direkten menschlichen Kontakt ersetzen können.“ Claus bringt noch einen wichtigen Aspekt ins Spiel. Bei allem guten Willen, die von Natur aus sehr unvollständige Kommunikation ermöglicht kein Gespräch der Beteiligten, nur verstümmelten Austausch von Botschaften. Die mit vielen Erwartungen angekündigte interaktive Ära mündet in ein Meer der Blödigkeiten, mehr ist wahrscheinlich nicht drin, im web 2.0.

    Josef Rengaw

  7. #7 von Martina (mapa67) am 17. April 2012 - 21:17

    Nein, Literaturplattformen sind wohl wirklich nicht möglich. Mir scheint, als wäre es im Moment einfach schick, sich als Autor zu bezeichnen. Kein Wunder, es ist ja auch irgendwie schmeichelhaft fürs eigene Ego seinen Namen auf einem Buch zu verewigen. Zusätzlich locken auch noch Werbesprüche, wie „werde reich und berühmt“. Das scheinen wohl die Schlüsselworte zu sein. Reich und berühmt, davon träumen auch die ganzen Superstars und Supermodells, demächst eben auch die Superautoren. Ich bin von Natur aus ein optimistisch und positiv denkender Mensch und auch wenn dieses Self Publishing im Trend zu liegen scheint, so hoffe immer noch, dass diese ganze Hysterie des e-Books Verkaufs wieder abflaut, Spätestens dann, wenn die „Superautoren“ nicht reich geworden sind und ihren Frust und die Enttäuschung darüber im Internet verbreiten. Oder wenn die Leser endgültig die Nase voll haben von dem ganzen Schrott. Ich persönlich verlange noch nicht einmal die sogenannte höhere Literatur, auch das Genre ist mir eigentlich ziemlich egal, Interessen und Geschmäcker sind eben verschieden. Aber ich erwarte zumindest eine durchdachte Geschichte, die weitgehend fehlerfrei und ansprechend in ihrer Präsentation ist. Und genau das ist immer schwerer zu finden. Stattdessen gibt es einfach viel Mist. Und Mist bleibt Mist, selbst wenn man literweise Parfüm drüber gießt. Es braucht Leute wie Kario, die den Mut haben, diese Schreiber auf ihr „Problem“ aufmerksam zu machen, nur gibt es davon zu wenig, bzw. fast gar keine mehr.
    Mir tut es leid, dass du von der Plattform weggegangen worden bist, auch wenn wir uns bei Bx im Grunde nie begegnet sind.
    Liebe Grüße
    Martina

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