Der Kanon

  Geschriebener Gesang

Meine sehr geehrten Damen und Herren. Liebe Gäste und Freunde des Jubilars.

Unserem lieber Freund und Begleiter, der uns in den vielen Jahren einer gemeinsamen Zeit des Musizierens und Instrumentalierens, Tonbandisierens und Notierens; ich hatte mir gedacht, dass wir ihm in einer gebührenden Form einen ganz persönlichen Gruß und Glückwunsch überreichen.

Nuuun, ehm, ich hatte dabei an einen kleinen, sehr intimen musikalischen Glückwunsch gedacht – bitte, meine lieben Freunde, wäre es möglich, den Toast noch auf Später zu legen, eh, danke. Ja, woran ich hier gedacht habe, können sich wohl Einige denken, weil dieser kleine Kanon zu meinen Lieblingsstücken gehört und man ihn hier und dort schon gehört haben dürfte und erspare mir – BITTE!!! Können wir uns noch etwas disziplinieren? (ein Taktstockstakkato beruhig temporär) – also, ehm, wie Sie sicher es sich schon gedacht haben, meine ich den Kanon Viel Glück und viel Segen.

Ich bin mir ganz sicher und sehr zuversichtlich, mein verehrter Jubilar, dass wir Dir damit eine besondere Freude … eh … also, ja.

*

Ich möchte nun zum organisatorischen Teile des Kanons kommen. Wie Sie sicher wissen, besteht ein Kanon aus drei Stimmen … ach, das wissen Sie schon … nun dann würde ich hier, nein, Frau Rankel-Lüders, Sie gehen jetzt bitte nicht auf Toilette … also hier bei Ihnen, Herr Kempers und bei Dir, Jupp, eine Trennlinie ziehen … nein, Sie dürfen ruhig in die erste Stimme, Fräulein Solanka, ja, das geht schon … ich weiß es ja … Sie nicht, Herr Oberstudienrat, Sie sind doch wohl als Musiklehrer wohl in der Lage eine zweite Stimme … wie, bitte, sie können nicht singen? Frau Herzenich, jetzt reißen Sie sich doch für diesen kleinen Glückwunschgruß mal kurz zusammen. Wie, bitte, Sie haben keine Stimme? Ja, und? Sie sollen doch nur singen….

Nun, dann wäre hier vielleicht, ach nein, besser hier … gehen Sie bitte sofort wieder in die zweite Stimme, Herr Zanowski, ja, ist es denn vielleicht möglich, dass wir heute noch drei gleich große Stimmblöcke hin bekommen? Ja, Sie müssen nach links, eh, also nach rechts, ja, aus ihrer Sicht ist es rechts … nein, das ist links, Sie müssen nach links … eh, nein nach rechts, natürlich … hach, Frau Schirrborg, Sie machen mich ganz … ja, so ist es richtig, Kollege Herbert, danke …

So, können wir alle mal etwas ruhiger sein, ja? Also, wir wollen den Kanon jetzt wenigstens einmal ordentlich … also, bitte. Ich sagte BITTE…

Kennen alle den Text? Wie bitte? Welches Lied wir singen? Sie fragen mich allen Ernstes …  also gut, Viel Glück und viel Segen … ja, das ist ein Kanon, Frau Zenga, nein, sie gehören in den mittleren Block … ja, das ist die zweite Stimme … sehr gut haben Sie das erkannt, sehr gut … ja, ja … können wir jetzt vielleicht?

Vielleicht nehmen die Sängerinnen und Sänger, die das Lied, also den Kanon schon kennen ihre Mitsängerinnen und Mitsänger, die den Kanon noch nicht kennen an die Hand und führen sie behutsam in die Notation ein. Nein, Herr Schmidt und auch Du Karl, nicht jetzt alle laut durcheinander singen … wir wollten doch dem Jubilar – entschuldige, Liborius, es geht gleich los … ja, ich weiß, Du hast Durst – Also; Ihr habt es alle gehört, können wir vielleicht jetzt?

 

Mi, mi, mi, miiii … hammer’er’t

*husträusper, RÄUSPER … HUST!

 

Dreiiiii, vier!

Viel Glück und vihiel Seegen … und Einsatz bitte … nein, so geht das nicht. Wo bleibt die zweite Stimme … hmmm …also, noch mal…

 

Viel Glück un vihiel Seegen auf all Deinen Weegen, viel Kölsch und viel Wöschjer

                                                       Viel Glück und vihiel Seegen auf all  Deinen Weegen…

Haaalt, STOPP … der Text ist ja vollkommen falsch … wie bitte, Sie finden den Originaltext langweilig? Dann stellen Sie sich doch hier vorne hin. Also! Können wir dann endlich mal?

Mi, mi, mi, miiii … hammer’er’t

*hust räusper, RÄUSPER … HUST!

 

Dreiiiii, vier!

 

Viel Glück un vihiel Seegen auf all Deinen Weegen, Gesundheit und viel Frohsinn, sei a_auch mit dabei

                                                       Viel Glück und vihiel Seegen auf all  Deinen Weegen, auf alle Deinen W

Viel Glück und vihiel

Schön, also wenn wir dann mal alles zusammen – entschuldige, Liborius, es geht gleich weiter … ja, ich weiß, Du hast Durst – Also; Ihr habt es alle gehört.

Mi, mi, mi, miiii … hammer’er’t

*hust räusper, RÄUSPER … HUST!

 

Dreiiiii, vier!

 

Viel Glück un vihiel Seegen auf all Deinen Weegen, Gesundheit und viel Frohsinn, sei a_auch mit dabei

                                                       Viel Glück und vihiel Seegen auf all  Deinen Weegen, auf alle Deinen W

Viel Glück und vihiel

Sei a_auch mit daaaabeiiiii.

Lieber Liborius … Liborius? Geht es Dir gut? LIBORIUS! Ja, holt vielleicht jemand dem Mann mal etwas zu trinken? Muss man denn alles selbst machen. Also ehrlich … ja, ist doch wahr!

© Kariologiker

*

Eine erste, sehr beglückende Rezension:

Meister des analytischen Wortsalates, Beschützer von Witzen und Aberwitzigem,

 wie glücklich bin ich,  von Dir zu erfahren, dass auch der lange zu Unrecht ignorierte und missachtete „unvollständige Satz“ nun endlich seinen selbstlosen Beschützer und uneigennützigen Förderer gefunden hat!

Der Satz ohne Ende, der den Gipfel des literarischen Gagaismus darstellt, muss nicht länger in der geistigen Einöde dunkler Geheimratsecken sein trauriges Dasein fristen, vielmehr darf er nun endlich aus diesem unwürdigen Schattendasein ans Licht der lesenden Öffentlichkeit treten, um dort endlich –  ganz prosaisch  – die großen Geister dieser Zeit an seiner ziellosen Suche nach Sinn und  Zweck seines Anfangs teilhaben zu lassen. Welch frohe Kunde für alle verhinderten Literaten und Hochzeitsredner dieser Welt. Satzbausteine aller Länder vereinigt Euch!

 Eine herrliche Hommage an die hohe Kunst der (allzu) freien Rede. Der Studienfall ist absolut brillant, bis ins Detail genau beobachtet und – wie erwartet einmal mehr  – gestochen scharf und haargenau, gleich einem Sketch von Loriot, perfekt pointiert auf`s Papier gebracht. Die Mundwinkel kringeln sich genüsslich um die Ohren, die dieses kleine Kabarettstückchen nur zu gern auch gehört hätten.

 Bereits in Zeile fünf, im Anschluss an „… und Notierens“, wenn schon der erste Satz abrupt und ohne inhaltlichen Abschluss endet, um sofort dem nächsten gedanklichen Kreisverkehr zu weichen, bereits hier ahnt der Leser, welch gedanklicher Kanon ihm im Folgenden noch blüht. Die Sätze und Ansätze, sowohl in sprachlich-literarischer wie auch in musikalisch intendierter Richtung, überlappen wie im schönsten mehrstimmigen Gesang sich gegenseitig, sie überschneiden sich und schneiden sich dabei schlussendlich  immer wieder gegenseitig ab.

 Gedanken, Intention und Vortrag, ob musikalisch oder literarisch, rauschen wie berauscht gegeneinander und finden doch zusammen in der schönsten Kackophonie.

Ein wahres Meisterwerk der freien Muse in dem alles gelingt – nur eben nicht der Kanon.

 

Applaus dem Meister des Absurden.

Und da sage ich doch höflich und tief verbeugt: Danke. Kariologiker

Advertisements

, , , ,

  1. #1 von Signe Winter am 10. März 2012 - 22:06

    Beim Lesen deines kleinen Bravour-Stückchens dachte ich sofort: Loriot würde erblassen vor Neid! Und dann dachte ich: Nein! Loriot freut sich, von wo aus er immer dies hier lesen kann ;-), denn er hat in dir jemanden gefunden, der Alltägliches durch feine Beobachtungsgabe ins Absurde führen kann. Und das Absurde ist Alltägliches.

    Alles stimmt einfach: die Wahl der Namen, die Wahl der Worte… So steht man als Beobachter neben dieser Szenerie und ist versucht mit Taktstock einzugreifen.

    Lieben Gruß von Signe

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: