Verfranzte Fingerübung

Ich schreibe Texte. Kurz gefasst sind sie für jeden verständlich. Unverständlich, oder etwa nicht? Mit der Schachtel, in dem meine Sätze liegen, die sich deswegen auch als verschachtelt darstellen, hat es ein Problem gegeben. Ich werde der Wortgewalt nicht mehr Herr. Alles ist durcheinander geraten. Die Gebrauchsanweisung war eh nicht mehr zu gebrauchen und weise wie ich mich wähnte, warf ich sie fort, viel zu früh. Und so weiter und so fort, sofort. 

Aber nun hätte ich gerne eine. Eine neue vielleicht. Selbst die alte täte es noch. Wie bekomme ich nur wieder einen Faden? Brauchte man dafür nicht eine Farbe? Wo fange ich an? Mit einem Faden? Irgendeinem Faden? Da war doch noch was. Ja, jetzt fällt es mir wieder ein. Der Faden war rot. Und rot heißt doch normalerweise: Halt, Stopp. Zumindest im Straßenverkehr. Doch ich war bei dem Faden und der ist kein Verkehrsteilnehmer. Der Faden war wichtig. Muss wichtig gewesen sein, sehr wichtig und ist immer noch wichtig, denn es ist ja auch immer noch wichtig bei rot nicht zu fahren oder zu gehen. Aber wozu war noch mal der Faden wichtig? Hatte ich so etwas schon mal benutzt? Was es da alles in der Schachtel gibt, seltsam. Habe ich das wirklich schon mal benutzt? Ich? Nein, was es hier nicht alles gibt? Seltsam?

Da, ganz unten in der Kiste, das kenne ich. Mist, schon wieder was vom Faden. Ein Ende oder nein, etwas aus der Mitte vielleicht? Na, bitte! Flatterhaft fädelt sich der Faden durch einen Haufen Einzelheiten wie ein Band sich schlängelt bevor es bündelt. Dabei fädele ich wirklich selten.

Wie bin ich eigentlich dazu gekommen, diese Schachtel auf zu machen? Ist es wirklich nötig gewesen? Bestimmt nicht. Ich mache sie einfach zu. Rums, Klappe zu, Affe tot. Hoppla, woher kenne ich denn diesen Deckel? „Klappe“ kenne ich eigentlich nur vom Film und aus dem Sportunterricht. Damals, ja, das ist schon lange her, wurde so eine große Klappe im Zielbereich einer Asche-Laufbahn hochgehalten, bis zur Waagerechten geöffnet, dann halb geschlossen, also so weit eben, bis ein Viertel entstand, zu beiden Positionen Befehle erteilt, bis sie endlich und schließend mit einem vernehmbar klatschenden Geräusch zusammengeschlagen wurde, was meist irgendwelche spinnebeinigen Jugendliche aus den Startblöcken jagte.

Und beim Film macht es einfach nur Klapp. „Roter Faden, die Erste“. Klapp!

Auch hier stirbt kein Affe. Schon seltsam, diese Redewendungen. Die fusseligen Floskeln, die so ungenau scharf scheinen, wie sie haarscharf diffus bleiben. Eigentlich sagen sie „nicht wirklich“ was sie wirklich sagen wollen. Man benutzt sie und keiner weiß so recht, warum oder wieso. Warum ist der Affe tot, wenn die Kiste zu ist? Und was soll der rote Faden bedeuten, wenn man diese Farbe nur schreibt und nicht in ein Buch malen darf, soll, sollte?

*

So, das wäre erledigt. Hach, wie angenehm. Hatte ich nicht noch etwas Rotwein? Egal, Sekt tut’s ja auch. Oh je, watt is datt Zeusch süß. Muss mal wieder Wein kaufen. Auf einem Wein steht man nicht gut. Nicht auszuhalten.

© Kariologiker

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  1. #1 von Signe Winter am 7. März 2012 - 15:15

    Passend zu deinen Gedanken, fiel mir nun wieder dieser Artikel aus dem „Das Magazin“ ein, den ich dir nicht vorenthalten möchte.

    http://www.dasmagazin.de/?p=7947

    („Das Magazin“ ist eine Kulturzeitschrift, die sich aus dem staatlich zenzierten in den freiheitlich demokratisch, und als vierte Macht im Staate entpuppenden, Blätterwald retten konnte.)

    In diesem Artikel kann man am Beispiel der vielen Begriffe für *Geld* nachlesen, dass es diese sprachlichen Merkwürdigkeiten auch andererorts gibt. Auch dorten weiß man wahrscheinlich nicht mehr, warum und wieso diese Begriffe benutzt werden, aber dennoch sind sie aktiv im Sprachgebrauch.

    Deine kleine Kolumne ist wieder einmal ein Glanzstück, sowohl sprachlich, als auch anregend für weitere Gedanken!

    Lieben Gruß von Signe

  2. #2 von silberperlen am 7. März 2012 - 19:29

    „zufällig“ Silberperlen angeklickt :-)

    Ich bin gerade auch beim Wühlen
    in alten Kisten, mit Gefühlen,
    die den Deinen gleichen.

    Klappe zu – der „Affe“ tot?

    Ich öffne halb den Schuhkarton –
    „eigentlich“ ganz ohne Not.

    Das hab ich jetzt davon!

    Der Affe liegt in seinen letzten Zügen.
    Lass ich ihn aufleben zum eigenen Vergnügen?

    Knüpf ich an am roten Faden?
    Was ich lese scheint mir heute überladen.

    Wort-teppiche! und die Farbe meistens rot,
    nicht up-to-date mehr, schon halb-tot.

    Ein „Zufall“ ist’s, dass wir zur gleichen Zeit
    in alten Kisten wühlen?
    Ich glaub das eher kaum.
    Ich nenn es gerne simultane Duplizität –
    im Raum.

    Echte Wünsche, auch nur an-gedacht
    zur richt’gen Zeit, treffen aufeinander
    schaffen eine neue Wirk-lichkeit.

    Barbara Hauser, 07.03.2012

    mit freundlichen Grüßen

    Danke für Deine fein-fühligen Kommentare bei silberperlen.

  3. #3 von kariologiker am 7. März 2012 - 22:30

    Ich habe zu danken, Barbara,

    für diesen lyrischen Kommentar. Wirklich gelungen und bestimmt mal eben aus dem Handgelenk geschüttelt. Das nenne ich bewundernswert und wer diese Gabe hat ist beneidenswert. Du bist es.

    Lieben, herzlichen Gruß
    Kariologiker

  4. #4 von silberperlen am 11. März 2012 - 14:22

    Habe gerade vom „Treppensturz“ gelesen und meine,
    wenn er sich beim Schleppentragen genau so wenig verheddert, wie bei der Wortsuche, wird er die hoffentlich Schlanke ans Ziel bringen.

    Habe mich auch „nicht“ gewundert, dass es seine Zeit braucht bis ein Kanon entsteht und eifrig im Innern bis zu jedem Satzabriss mitgesungen, bevor ich jetzt hier auf Deinen Antwortkommentar auf mein Gedicht stieß.
    Ich geb es gerne zu, ich habe ihn gerne gelesen –

    aber!
    wieso wurde ich nicht über E-mail darüber benachrichtigt?
    Hast Du eine Ahnung?
    Habe ich oder Du irgendwo ein Kreuzchen vergessen?

    Gruß
    Barbara

  5. #5 von kariologiker am 11. März 2012 - 14:36

    Das Kreuzchen oder Häkchen, das vielleicht fehlte, ist unter diesem Kommentar-Fenster.
    Direkt neben dem Button: „Kommentar absenden“ steht:
    „Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren per E-Mail senden.“
    Das Kästchen davor musst Du „behaken“, liebe Barbara … dann klappt’s auch mit dem Nachbarn *hüstel

    EDIT
    Fast vergessen: Lieben Dank, dass Du Dich durch meine Texte „Verfranzte Fingerübungen“, „Schleppe“ und „Der Kanon“ gearbeitet hast und dazu mir Deinen Eindruck zu hinterlassen hast.

    Lieben Gruß
    Kariologiker

  6. #6 von silberperlen am 11. März 2012 - 17:39

    Nur zu Deiner Information, der Kommentar bei mir in silberperlen wurde mir über E-mail angezeigt,
    der letzte von Dir hier leider nicht
    und bevor ich meinen bei Dir eingestellt habe, hatte ich extra darauf geachtet das Häkchen unten links zu machen.

    Ich werde eben immer wieder mal nachschauen, wenn ich bei Dir kommentiert habe.

  7. #7 von kariologiker am 11. März 2012 - 21:29

    Sorry, Silberperle Barbara,

    dann weiß ich es erst recht nicht … ich bin Rechner technisch eher uninformiert.

    Irgendwann klappt’s bestimmt wieder … vielleicht schon dieses Mal? Wer weiß?

    Lieben Gruß
    Kariologiker

  8. #8 von angelface am 10. Oktober 2014 - 10:51

    bloggen und lesen Sie bei wordpress dann finden sie diese Kommentatoren, Worte und gedankenperlen….komisch – da traut man sich normalerweise nich hin“!°

  9. #9 von kariologiker am 10. Oktober 2014 - 10:52

    Lach … Engelschen,

    Du bist mir eine… Du und nicht trauen? Ich traue meinen Augen nicht *lach*

    Kariologiker

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