Monologisieren, rheinisch

Kann es sein, dass man schon gierig auf einen neuen Eintrag von mir auf diesem Blog wartet? Schön, dann möchte ich allen Köln-Besuchern mit einem kleinen Ratgeber beglücken, der nicht nur bei Kölnern greift, wie ich mir habe sagen lassen…

Monologisieren, rheinisch

Eine Gebrauchsanweisung

1. Verhaltensregel, Vorgehensweise

Sagen Sie am besten nichts. Einfach gar nichts. So etwa kann furchtbar enden. Ja, ich möchte Sie sogar warnen und das aus gutem Grund. Entspannen Sie sich und hören Sie einfach nur zu. Auch dann, wenn Sie noch so viele Gedanken haben, die Ihnen buchstäblich auf der Zunge liegen, selbst wenn sie schon auf der Spitze der Zunge zu liegen scheinen, wie auf dem Rand eines Sprungbretts und absprungbereit ausgespuckt werden möchten, tun Sie es bitte nicht. Nicht einmal dann, wenn Sie vielleicht sogar etwas besser zu wissen meinen, es für Sie eine ergänzende Information sein könnte, die für Sie so wichtig ist, sie aus Ihrer Sicht bestimmt das Thema wertvoll ergänzen würde, und trotzdem, nein, sagen Sie nur ja nichts. Schlucken Sie es runter. Beißen Sie sich auf die Zunge, gehen Sie meinetwegen übersprungsartig einfach mal aufs Klo oder zählen Sie unauffällig die Knöpfe an Ihrem Hemd, aber machen Sie eines niemals, unterbrechen Sie auf keinen Fall einen Monologisten.

Wollen Sie sich nicht in eine solche Situation verstricken, diese mögliche Zwickmühle vermeiden, dann stellen Sie sich niemals in einem kölschen Brauhaus neben eine Gruppe von Männern, bei denen alle eine leere Kölschstange warm halten und nur einer ein dreiviertel volles Glas mit schalem Bier umklammert. Die einzige, sanktionsfreie und wohlwollend geduldete Unterbrechung ist mit der Frage nach dem weiteren Ausschank verbunden. Diese darf man jedoch niemals einfach irgendwann unaufgefordert in die Runde werfen, wohlmöglich noch, wenn der Monologist spricht, welch ein Frevel, nein, nein, man muss exakt den einzigen und erfolgsversprechenden Augenblick erwischen. Dieser ist nur durch langes Üben wirklich elegant so auffällig unauffällig zu treffen, dass Ihnen niemand widerspricht, geschweige denn ignoriert.

Der Biertischphilosoph, der an der Reihe ist die nächste Runde zu schmeißen, muss ähnlich wie auf der Pirsch geduldig bleibend warten, um dann gezielt das Satzende erwischen, an dem der Monologist ausatmet und noch während des Einatmens zu fragen: „Kriegst‘e och noch eins?“

Der Erfolg wird Ihnen und mir recht geben.

Struktur eines Monologs

In der Regel beginnt ein solcher Monolog wie folgt und ich weiß als rheinisch geprägter Monologist sehr wohl wovon ich spreche:

Hier, hört ma‘, isch hab da letztens watt erlebt, Ihr glaubt et nitt…“ Die darauf folgend Ausführung eines meist komplexen Sachverhalts wird vom Monologisten oft aus allen Blickwinkeln gleichzeitig betrachtend dargestellt, was nicht selten in Halbsätzen endet, die deswegen zustande kommen, weil schon im gesprochenen Satz der nächste erwähnenswerte Aspekt sich dem Monologisten derart in den Vordergrund drängt, dass er es nicht für notwendig erachtet, jeden Satz zu vollenden. Diese müssen auch nicht unbedingt ausgesprochen oder zu Ende erklärt werden, denn schließlich wissen die Zuhörer meist, wie der Satz enden wird und so spart man wertvolle Zeit beim Frühschoppen, der bekanntlich zwischen Kirchgang und Mittagessen in einem sehr begrenzten Zeitraum stattfindet. Dem ausgesuchten Zuhörer kommt lediglich die Aufgabe zu für das leibliche Wohl zu sorgen und das in akzeptablen Unterbrechungen, damit der Gedankenfaden des Monologisten nicht abreißt.

Beendet wird dieser Monolog meist mit der überaschenden Frage:
„Wie spät hammer’et? Watt? Schon esu spät? Schad, isch muss dann ens. Ming Frau wad ad mim Suerbrode op misch … also, mad et jot, bis demnächst ens.“

Variation

Ganz ähnlich ergeht es einem Monologisten bei Anrufbeantwortern. Im Gegensatz zu all jenen Telefonierenden, die sich verärgert abwenden und meist das Telefonat sofort beenden, wenn ein Anrufbeantworter nur die ersten Worte anspricht: „Hier spricht der automati…“, lebt der Freund des Monologisierens mit dieser Steilvorlage erst richtig auf.

Ganz refklektorisch wird der Monologist in das für ihn und dem Monolog entsprechende Milieu versetzt. Eine fast grenzenlose, unterbrechungsfreie Zeit ist nun die unausgesprochene Einladung jegliche Form der Mitteilung ausgiebig zu zelebrieren. Und so beginnt für den Monologisten die Antwort auf den in der Regel schlicht formulierten Ansagetext: „Hier spricht der automatische Anrufbeantworter der Familie … nach dem Piepton können Sie einen Nachricht hinterlassen…“, meist so:

Hier spricht der humane Anrufbesprecher. Wie, Ihr seid nit do? Egal, datt ist doch nitt schlimm. Wusstet Ihr eigentlich, dass ich Euch nächstes Wochenende besuchen werde? Nä, na, dann wisst Ihr et jetzt. Nein, ich komme nitt allein. Ich muss den Herbert mitbringen, weil der unbegingt beim Kegeln mitmachen will und danach ja nitt mehr fahren kann. Der findet doch nie seine Schlüssel, wenn der so voll ist, Ihr kennt das doch. Der hat doch letztens erst versucht mit seinem Wagen-Schlüssel den Schlitten vom Hilchenbach aufzubekommen. Ja, nää, datt war ja nitt lustisch. Datt sach ich Eusch. Na, ja, die Kratzer konnte man nicht mit dem Stift wegbekommen. Ja, ja, der hat sich extra aus der Fernsehwerbung so einen Lackstift gekauft, der angeblich wie ein Wunder wirken soll. Vergesst es. Kauft Euch nur ja nicht so einen Stift. Funktioniert garantiert nicht. Was funktioniert heute schon noch, ich sach et Eusch. Nix funktioniert mehr. Da hab ich mir doch letztlich erst so eine Erstbesteigerausrüstung gekauft. Mit Garantie, nä. Und watt wor, ich wor der letzte der oven anjekumme is. Kumm, hür mir op. Nä, nä, nix von wegen ich wor zu langsam. Ich wor allein. Han isch jedaach, nä. Evver als ich dann oven om Dach wor, stund do doch jlatt der Schornsteinsfejer. Kumm, hür mer op…“

Charaktereigenschaften

Wobei dies nur ein Auszug dessen gewesen ist, zu was der Monologist alles in der Lage ist. Denn will man den Monologisten verstehen, muss man die Charaktereigenschaften kennen. Diskutieren empfindet er als störende Einmischung. „Watt will der?“ Was soll denn bitteschön eine zweite Meinung mitten in seinem Vortrag bewirken? Sollte vielleicht jemand etwas besser wissen? Unmöglich und zudem vom Alleinredner als unhöflich empfunden, wendet sich er sich meist demonstrativ vom Störenfried ab und referiert in Richtung derjenigen weiter, die ihre Aufmerksamkeit uneingeschränkt nur ihm zuwenden und mit ihren Augen an seinen Lippen kleben.

Er akzeptiert, wenn überhaupt, die kleine Unterbrechung des Nachschenkens und ist mit sich und der Welt dann zufrieden, wenn alles in geordneten Bahnen verläuft, eben so, wie es auch heute noch für den rheinischen Monologisten als vollkommen normal empfunden wird.

© Kariologiker

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